gastfreundlichkeit oder gastfreudigkeit? 🇮🇷

Es mag etwas deplatziert wirken nach wochenlanger Sendepause nun den Blog mit dem Bericht über unsere Erfahrungen im Iran in der nachfolgenden Weise fortzusetzen. Deplatziert deswegen, da es in unserer Zeit, wie ihr alle über die Medien mitbekommen habt, in Folge des Todes von Masha Jina Amini nach ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei zu Demonstrationen und Ausschreitungen im Land kam. Dieser Beitrag thematisiert diese Ereignisse nicht und zeichnet, so viel sei vorweg genommen, ein nicht allzu positives Bild über das Land und seine Bewohner*innen. Wir hatten diesen Beitrag inhaltlich weitestgehend bereits vor den aktuellen politischen Ereignissen verfasst und er gibt unsere sehr subjektiven Eindrücke und Stimmung zu diesem Zeitpunkt wieder. Von den Protesten haben wir so gut wie nichts mitbekommen und wir haben leider auch niemanden kennengelernt, der oder die sich positiv zu diesen bekannt hätte. Wir können daher zu diesem Thema ohnehin so gut wie nichts beitragen, da man über die deutschen Medien (zu denen wir aufgrund der Internet-Blockade auch nur sehr sporadisch Zugriff hatten) wohl mehr erfahren konnte als wir vor Ort.


Tag 150 bis 156 (16.08. bis 21.08.)
Distanz: 499,5 km
Höchster Punkt: 1.810 m
Tiefster Punkt: 560 m
Rauf: 4.140 m
Runter: 3.200 m

Das ist die wahre Geschichte über den Iran oder die jähe Erkenntnis, dass wir zu deutsch für dieses Land sind. Dem Iran eilte ein so positiver Ruf als Reiseland voraus, dass wir mit dem Paradies auf Erden rechnen mussten, wenngleich wir von Sonja und Alex ja ein paar relativierende Worte mit auf den Weg bekommen hatten. Dennoch machte uns lediglich die Hitze einigermaßen ernsthafte und die möglichen unangenehmen Begegnung mit der Staatsmacht latente Sorgen. Beides stellte sich allerdings als unsere kleinsten Probleme heraus, zumal wir wegen ersterem Problem ja bereits den Kaukasus mit angezogener Handbremse und ordentlich Standgas zwecks Schlangenlinien durchquerten, um zumindest die heißesten Monate im Iran nicht erleben zu müssen. An die deutlich über 30 Grad gewöhnten wir uns schnell, standen in der Regel früh auf, nutzten die morgendliche Frische und hielten eine längere Siesta. Dass wir hier lange Kleidung tragen müssen, störte uns nicht und schützt uns immerhin sehr effektiv vor der UV-Strahlung. Auch die zweite Sorge bestätigte sich zunächst nicht: An der Grenze wurden wir ohne Fragen durchgewunken, weshalb wir uns sogleich ärgerten, dass wir den Hochprozentigen aus dem armenischen Schrebergarten jenseits des Grenzfluss Araras gelassen hatten. Auch nach tausenden Kilometern Reise im Land waren uns nur freundliche Soldaten oder Polizisten begegnet.

Nein, all das ist nichts aber auch gar nichts gegen die Vergiftung und den Stress, den wir in diesen Tagen auf Irans Straßen ausgesetzt waren. Dabei fuhren die Iraner und Iranerinnen nicht besonders fahrlässig oder rasant und hielten regelmäßig auch ausreichend Abstand zu uns. Das Problem war die Menge des Verkehrs. Auf jeder Straße reihten sich dröhnende Motorräder, weiße Peugots, Khodro oder Saipa (alles iranischer Herkunft, da Peugots in Lizenz von Pars produziert werden), blaue Pick-Ups (die alle bau- und farbgleich dafür aber abwechseld angeblich von Nissan, Honda oder Toyota sind, in Wirklichkeit aber ein iranisches Produkt namens Zamyad) und uralten Trucks (darunter viele Mercedes L911, aber interessanterweise auch immer mal wieder ein Mack), die entsprechende Rußschwaden in die Luft schleuderten. Das ganze Land erschien uns wie ein ewiger gesättigter Verkehr. Woher der viele Verkehr kommt ist unschwer zu erraten. Da der Liter Treibstoff aufgrund der großen Ölressourcen des Landes nur Beträge in einstelligen Centbereich kostet, haben die Iraner wenig Sinn dafür auch nur auf die kleinste Fahrt zu verzichten. So beobachteten wir beispielsweise regelmäßig, wie insbesondere junge Männer mit ihrem Motorrad bis vor den Geldautomaten auf dem Gehweg fuhren und das Terminal bequem vom Sattel aus bedienten.

Die vom Verkehr emittierten Feinstaubpartikel und Stickoxidwolken führen in Kombination mit dem trockenheitsbedingten natürlichen Staub, Brandrodung und Müllverbrennung zu einer derartig flächendeckend dramatisch schlechten Luftqualität, dass, befände es sich in der Zuständigkeit, auch des hasenfüßtigsten deutschen Verwaltungsgerichts, dieses dem ganzen Land per sofortiger Anordnung ein absolutes Fahrverbot für mindestens zehn Jahre auferlegen würde.

Nach den ersten beiden Tagen entschieden wir deshalb nicht nach Teheran zu fahren. Wie wir uns nach den Erfahrungen der ersten beiden Tage vorstellen konnten und uns auch von anderen Radreisenden bestätigt wurde, solle der Verkehr dort trotz der etwas geringeren Größe weitaus schlimmer sein, als wir es alle in Istanbul erfahren hatten. In der Annahme, wenn wir die Hauptstadt großräumig umführen, könnten wir vielleicht den Verkehrsmassen entrinnen, fuhren wir von Täbris aus weiter Richtung Süden in Richtung Kurdistan. Doch der Verkehr wollte und wollte nicht weniger werden. Nach 5 Tagen vollgestopfter Highways durch eine öde vermüllte Steppe und Städte, die hauptsächlich aus Autowerkstätten und wartenden Autos vor Tankstellen bestanden, waren wir am absoluten Tiefpunkt dieser Reise angekommen. Noch nie hatten wir eine so lange Phase gar nichts Schönes gesehen oder erlebt. Und tatsächlich machten wir uns aufgrund der katastrophalen Luftqualität nach einer Weile ernsthafte Sorgen um unsere Gesundheit.

Dabei hatte es zunächst gar nicht so schlecht begonnen. Nachdem wir die Grenze, wie schon beschrieben, vollkommen problemlos überquert hatten, tauschten wir auf dem Schwarzmarkt zunächst einmal 100 Euro. Der Wechselkurs beträgt ca. 1 € zu 300.000 Rial. Wegen der Grenznähe bot man uns zunächst nur 260.000 Rial pro Euro an, aber mit etwas Beharrlichkeit fanden wir schließlich einen Dealer, der uns 285 K bot. Da er nur 100 K Scheine hatte, bekamen wir unsere 28,5 Mio. Rial also in 285 Scheinen in einem jeweiligen Wert von um die 30 Cent. Diese Begebenheit hatte zumindest einen skurrilen Unterhaltungswert und zudem vermittelte sie gleich das Gefühl nun endlich wirklich in eine Region vorgestoßen zu sein, in der es aber jetzt mal wirklich ganz anders zuging, als man es als Mitteleuropäer gewohnt ist.

Finanziell versorgt schwangen wir uns nun also guter Laune auf die Räder und folgten zunächst dem Grenzfluss Araras in Richtung Westen. Die zackigen Berge links von uns, bunte Felsen rechts von uns, die uns aus Aserbaidschan, das sich bald westlich an Armenien anschloss, die Aussicht versüßten, bildeten eine stimmungsvolle Kulisse. Der Verkehr war in dieser Grenzgegend absolut moderat und bei einem kurzen Stopp nahe einer Übung des Roten Halbmondes wurden wir freundlich gegrüßt und mit frischen Feigen beschenkt.

Nach ca. 60 km erreichten wir Jolfa, das sich in einer Freihandelszone befindet, die mit Polizeikontrollpunkten begrenzt ist. In dem von uns aufgesuchten Pizza-Imbiss flüsterte der junge Kellner verschwörerisch in Tilmanns Ohr, nachdem er unsere Herkunft erfahren hatte und fragte ob wir Alkohol mitführten. Erneut entflammte unser Ärger darüber, dass wir in Armenien ein Fläschchen mit leicht gelblichem klarem Inhalts zurückgelassen hatten, dass sicher nie wieder seinem bestimmungsgemäßen Gebrauch zugeführt werden würde. Dem freundlichen jungen Mann hätten wir damit gerne eine Freude bereitet.

Als wir uns von Jolfa aus der Grenze abwanden und Richtung Süden weiterfuhren, begann das bereits oben beschriebene Verkehrsmartyrium in überwiegend reizloser Landschaft durch ausschließlich reizlose Siedlungen. Etwa zeitgleich mit Verkehr und Einöde setzte eine dritte Inanspruchnahme unserer Geduld ein, nämlich die viel gelobte iranische sogenannte Gastfreundlichkeit, auf die wir vor und während der Reise vielfach hingewiesen wurden.

Wie ja bereits erwähnt und der/dem einen oder anderen Leser*in bekannt sein dürfte, eilt dem Iran der Ruf der unglaublichen Gastfreundlichkeit seiner Einwohner*innen voraus. Nach den ersten Tagen schien uns dies übertrieben. Wir hatten ja bereits in der Türkei und in Armenien große Gastfreundschaft erlebt und wurden im Iran nun ebenfalls mit Feigen, Melonen und Keksen versorgt. Hinzu kam nun allerdings, dass wir hier insgesamt viel öfter angesprochen und angehupt wurden und ganz neu: regelmäßig um gemeinsame Selfies gebeten wurden.

Dabei kam es selten darauf an, womit wir gerade beschäftigt waren, also ob wir einkauften, aßen oder uns gerade mit dem Fahrrad einen Berg hochkämpften. Regelmäßig sprang dabei für uns rein gar nichts raus, teilweise wurde das Anliegen ein Erinnerungsfoto (an die 35 Sekunden, als man einen Ausländer mit Fahrrad auf der Straße sah) mit uns zu schießen noch nicht einmal besonders freundlich vorgetragen. Indem Autos vor uns einscherten wurden wir zum Anhalten gezwungen und wir wurden genötigt etwas auf Farsi in eine Kamera zu sprechen. Wenn wir zu Fuß unterwegs waren, wurden wir gelegentlich auch sehr ruppig in Position manövriert. Außerdem kam es auch gelegentlich vor, und auch das hatten wir vorher noch nicht erlebt, dass wir einfach so ohne gefragt zu werden vom Straßenrand oder aus dem fahrenden Auto heraus fotografiert oder gefilmt wurden. Anfangs belustigt wuchs das Selfie-Schießen außerdem nach kürzester Zeit zu solchen Ausmaße aus, dass es uns zu viel wurde.

Das erste Mal geschah uns dies, als wir hinter Jolfa den Berg hinauffuhren, als Julia von den Insassen eines weißen Sapia zum anhalten genötigt wurde, um Auskunft zu ihrer Herkunft zu erteilen (die Frage „What country?“ (o.ä.) sollte uns in den kommenden Wochen noch erheblich auf die Nerven gehen). Nachdem das ältere Ehepaar weitergefahren war bremste es nun den vorausfahrenden Tilmann aus, um uns beide mit Feigen zu versorgen. Als wir nach vielfach wiederholtem „Merci“ weiterfahren durften, wurden wir nach wenigen Metern erneut gestoppt, um mit den beiden ein paar Selfies zu schießen.

Zudem erschloss sich uns nicht, inwieweit wir es als gastfreundlich auffassen sollten, wenn wir aus dem fahrenden Auto heraus mit der Frage „Where from?“, „What country?“ oder „How are you?“ angeschrien wurden, wobei regelmäßig noch nicht einmal die Antwort abgewartet wurde. Bei der Behauptung die Iraner*innen seien besonders gastfreundlich, handelt es sich unseres Erachtens gewissermaßen um ein Missverständnis. Gastfreundlichkeit ist in den meisten Ländern stärker ausgeprägt als in dem trägen und mit Reizen übersättigten Mitteleuropa. Weshalb wir bereits in anderen Ländern bewunderten, wie herzlich und offen Reisende begrüßt und ohne eine erwartete Gegenleistung mit kleinen Aufmerksamkeiten bedacht wurden.

Im Iran hingegen, ist aus unserer Sicht vielmehr nicht Gastfreundlichkeit sondern Gastfreudigkeit vorherrschend, um an dieser Stelle ein neues verwegenes Wort in die deutsche Sprache einzuführen. Damit meinen wir, dass sich viele Iranerinnen und Iraner offensichtlich sehr darüber freuen Fremde in ihrem Land zu sehen. In der Interaktion mit diesen nehmen sie dabei aber regelmäßig keinerlei Rücksicht auf deren Bedürfnisse und befriedigen also überwiegend bis ausschließlich ihre eigenen Interessen. Wir hatten schnell das Gefühl es mit einem überaus empathiearmen Volk zu tun zu haben.

Uns wurde schnell klar, dass im Iran ein völlig anderes Verständnis von Höflichkeit vorherrscht. Wir empfanden und empfinden manches Verhalten als aufdringlich und unhöflich, die Iraner hingegen wirkten sehr verschnupft, wenn wir ihre Hilfsangebote und Einladungen nicht zu schätzen wussten. Zwei Beispiele hierzu von Tag 2 im Iran:

Unsere erste Nacht hatten wir ein paar Kilometer südlich von Jolfa in einem Garten verbracht. Wobei in diesem Fall der Begriff Garten wohl ein falsches Bild vermittelt, es handelte sich um ein mit Mauer eingefasstes Stück Land in dem vor nicht allzu langer Zeit einige Bäume angepflanzt worden waren. Neben diesen Bäumen wuchs dort, wie im gesamten Land und für trockene Landstriche nicht unüblich, überwiegend Dorniges. Zunächst durchbohrte eine Dorne unseren Zeltboden, die, wie wir später herausfinden sollten, auch unser beider Luftmatratze perforiert hatte.

Am nächsten Morgen trugen wir die Fahrräder daher zur Sicherheit zurück zur Straße. Dies hatte jedoch nichts genutzt. Nach etwa fünfzehn Kilometern stellte Tilmann fest, dass er am Vorderreifen bereits einiges an Luft verloren hatte. Mit der letzten Luft schleppten er sich noch zu einer Moschee, in deren Zufahrt wir im Schatten mit dem Reifen flicken begannen. Die anwesenden Eingeborenen ließen die Hitze träge über sich ergehen und schenkten uns zunächst glücklicherweise kaum weitere Beachtung.

Dann jedoch erschien ein Polizist auf der Bildfläche, der ohne einen richtigen Gruß ganz nah an uns herantrat, kurz Tilmanns Werkeln aus einer Distanz, welche die für deutsches Empfinden bestehenden Intimdistanz empfindlich verletzte, betrachtete und ihm dann ohne Kommentar den Mantel aus der Hand riss um ihn selbst auf das den Schaden verursachende Objekt zu untersuchen. Zwar konnte Tilmann irgendwann wieder die Handlungshoheit über die Reperaturabeoten zurückerobern, doch der ungebetene Assistent blieb nun die ganze Zeit sehr dicht bei uns, obwohl unsere Körpersprache und Mimik deutlich zum Ausdruck brachte, dass uns diese Aufdringlichkeit missfiel. Alles wurde mit Argwohn beobachtete und Tilmanns Werkeln wurde immer wieder durch Interventionsversuche unterbrochen.

Tilmann fühlte sich von diesem Verhalten schließlich so gestresst, dass er den Flicken nicht korrekt auf den Schlauch aufbrachte (ein Stück des „Deckpapiers“ war zwischen Flicken und Schlauch gerutscht), sodass ein zweiter Versuch gestartet werden musste. So hatte die nicht eingeforderte Hilfe neben schlechter Laune im Endeffekt dazu geführt, dass der ohnehin schon ungewollte Stopp sich noch einmal verlängert hatte.

Später am Tag kamen wir in die Stadt Marand. Dort überlegten wir vor einer Autowerkstadt einen Augenblick zu lange, welcher Park sich gemäß Karteneindruck wohl am ehesten für eine Rast eignen würde. Plötzlich waren wir umringt von einer Horde junger und mittelalter Männer, die einen engen Halbkreis um uns bildeten und Brocken von Englisch stammelten: „How are you?“, „Which country?“ während sie an unseren Sachen herumfummelten (besonders beliebt ist hierbei die Konsistenz des Sattels zu prüfen und den Luftdruck der Reifen). Dann wurde ein Anfang Zwanzigjähriger mit Hipsterbrille herbeigerufen, der ein wenig mehr Englisch sprach.

Nahezu vorwurfsvoll fragte er uns, ob wir denn nicht warmshower nutzten, denn hier in der Stadt gäbe es doch Jascha, einen Host den gefälligst jeder zu besuchen hätte. Er habe ein Café, wir sollten jetzt unbedingt dorthin fahren. Wir erklärten heute noch weiter fahren zu wollen und daher nicht bei warmshower vorbei gesehen zu haben, willigten aber nach gebrochenem Widerstand ermattet ein das Café zu besuchen, als uns Jascha bereits ans Telefon geholt wurde und der Standort seines Cafés in MapsMe eingegeben war.

Wir fuhren also weiter, überlegten aber ernsthaft, ob wir nicht einfach doch in einen Park fahren und nicht das Café aufsuchen sollten. Wir gingen in den ersten Tagen davon aus, dass wir noch oft genug eingeladen werden würden und kannten uns gut genug, um zu wissen, dass das nur bedingt unser Ding ist, sodass wir uns wenn möglich um solcherlei Events herumdrücken sollten.

Als ob es Jascha geahnt hätte, stand er in dem Moment als wir gerade noch einmal über den Verkehrslärm hinweg eruierten, dass wir besser weiterfahren sollten, plötzlich vor uns, ca. 700 m von dem vereinbarten Treffpunkt entfernt. Natürlich hatte er das nicht erahnt, sondern war ganz im Sinne der iranischen Erwartung an die Selbstständigkeit von Touristen davon ausgegangen, dass wir den vereinbarten Treffpunkt trotz GPS-Navigation sicher nicht finden würden. Dass er Julia nun auch noch fragte, ob sie Hilfe beim Schieben ihres Rades benötigte (nachdem sie die 7.600 km bis nach Marand selbstverständlich ohne fremde Hilfe geschafft hatte) nahm ihn nicht wirklich weiter für sie ein.

Um nun aber nicht alles über die Maßen schwarz zu malen, möchten wir gerne an dieser Stelle zugeben, dass es in Jaschas hübschen We-Café im ersten Stock eines schmucklosen Hauses dann aber doch recht nett war. Er und seine Freunde waren aufgeschlossen, sprachen gut Englisch und der Austausch war ungezwungen und auf einem Niveau, wie man es unter jungen Menschen auf einer ähnlichen Wellenlänge erwarten kann.

Doch dann schlug wieder ein Stück weit die iranischen Gastfreundlichkeit zu. Als wir nämlich erklärten, dass wir nach der großen Hitze am Mittag noch ein wenig weiter fahren wollten in Richtung Täbris, schien das Jascha zu missfallen. Er versuchte uns zu überreden noch eine Nacht bei ihm zu verbringen, wozu wir ihm allerdings zu keiner Zeit eine Zusage gaben. Als wir dann am Nachmittag erklärten nun aufzubrechen, zeigte er sich enttäuscht überrascht, startete aber wenigstens keine weiteren Überredungsversuche.

Die rund 66 km bis zum Hostel in der Millionenstadt Täbris hatten wir am dritten Tag bzw. Tag 152 unserer Reise bereits gegen halb zwölf absolviert, da es überwiegend bergab ging. Die öde Landschaft in West-Aserbaidschan (gemeint ist hier die iranische Provinz und nicht der autonomen Republik Nachitschewan, die Teil des Staates Aserbaidschan ist) wurde nur von öden Orten unterbrochen. Dass auch die Einfahrt in die Stadt irgendwie nicht so richtig die Lebensfreude einen reich behangenen Kirschbaum hochklettern ließ, bedarf hier sicher keiner weiteren Erwähnung.

Die Stadt selbst vermochte die Öde nicht zu vertreiben, nein sie reihte sich nahtlos in diese ein. Nach unserer Ankunft im Hostel verbrachten wir dort fast den ganzen Tag, denn hier ließ es sich gut aushalten. Es war schattig, grün und ruhig. Unter den Gästen herrschte ein angenehmer, allgemein zurückhaltender Umgang. Einzig der iranische Fremdenführer, ebenfalls Gast, verwickelte uns in ein Gespräch, dass wir gerne kürzer gefasst hätten.

Am Nachmittag begaben wir uns dann in die Öde der Stadt, vorwiegend um ein paar Einkäufe zu erledigen. Nach wenigen Metern durch die schmucklosen Straßen wurden wir Zeuge von einem weiteren Minuspunkt, den sich der Iran vorhalten lassen muss, dem man allerdings außerhalb von Mitteleuropa so oft begegnet und der unseres Erachtens bei der Bewertung von besuchten fremden Gesellschaften durch Touristen viel zu kurz kommt: Der schockierende Umgang mit Tieren.

Nicht weit vom Hostel entfernt passierten wir einen Straßenblock, in dem allerlei Heim- und kleinere Nutztiere zum Kauf angeboten wurden. In übereinander gestapelten Käfigen zusammengepfercht kläfften Welpen, schrien Kitten, piepsten Küken, scharrten Kaninchen und zwitscherten Vögel um die Wette, als wollte jeder von ihnen beim Ausdruck des erlebten Leids der Lauteste sein. Einige jedoch schienen ihrem Schicksal erlegen bereits aufgegeben zu haben und kauerten ton- und bewegungs- oder sogar bewusstlos in ihren viel zu kleinen Gefängnissen.

Deprimiert von diesem Anblick streiften wir auf der Suche nach einem Restaurant durch die staubigen und nach Abgas stinkenden Straßen, die von eintönigen schmucklosen Häusern gesäumt waren. Da neben der iranischen Gastfreundschaft auch stets von der iranischen Küche geschwärmt wurde, erwarteten wir in einer Stadt von der Größe Münchens einige kulinarische Highlights entdecken zu können. Zwar wussten wir, dass es mit dem vegetarischem oder veganem Essen etwas schwierig werden würde, allerdings konnten wir bei unserer Stadterkundung auch keine vielversprechenden Etablissements der carnivoren Küche entdecken.

Wir fanden lediglich eine Hand voll schmuddeliger Imbisse, in denen fantasielose Fleischspieße in Weißbrotfetzen gereicht wurden. Fast zurück am Hostel ohne ein Restaurant entdeckt zu haben, entschieden wir uns daher in einen kleinen Imbiss einzukehren, der auf mehreren leuchtenden und nicht elektrifizierten Werbetafeln mit Pizza warb. Es stellte sich jedoch heraus, dass dort nur Kebab-Sandwichs zubereitet wurden. Immerhin hatten wir unterwegs einer Vielzahl von Passanten einen kurzen Moment der Unterhaltung beschert, als wir ihnen verrieten, dass wir aus Deutschland kommen und wir „fine“ seien.

Am nächsten Tag legten wir einen Ruhetag ein, wollten aber zumindest den Basar besuchen, der auf der UNESCO-Welterbeliste steht. Verwundert stellten wir fest, dass dort die meisten Läden geschlossen waren. Irgendwann ließen wir uns von einem jungen Iraner, der uns Hilfe angeboten hatte (eine der netten Begegnungen) darüber aufklären, dass doch heute Freitag sei. Dieser entspricht in der islamischen Kultur dem deutschen Sonntag und entgegen beispielsweise der Türkei, wo die meisten Geschäfte die ganze Woche über geöffnet bleiben, öffnen im Iran an diesem Tag neben Behörden auch viele Läden nicht ihre Pforten.

So konnten wir einen teilweise betriebslosen Basar besichtigen, wobei sich der Welterbe-Status offensichtlich nicht an architektonischen Besonderheiten, sondern an der Bedeutung des Ortes festmacht. Baulich war auch dieses Ensemble eigentlich eher öde, insbesondere wenn man bereits den ein oder anderen Basar besucht hat.

Auf dem Gemüsemarkt war allerdings doch einiges los. Als wir an einem Stand diverses Angebotenes erwerben wollten, mussten wir zunächst Auskunft über unser Herkunftsland erteilen. Nach dem wir diese Frage wahrheitsgemäß beantwortet hatten, schrien die beiden Händler „Klinsmann, Klinsmann“ über den gesamten Markt und erklärten ihren iranischen Kunden, dass zwei Deutsche anwesend seien, was anscheinend als Werbung diente. Wir wurden allerdings nicht bedient. Ein fabelhaftes Beispiel iranischer Gastfreudigkeit.

Zu dem Verkehrskollaps, brennen in der Lunge und den nicht enden wollenden Aufdringlichkeiten, die hinter jeder Kurve unter jedem Baum und an jedem denkbaren Haltepunkt lauerten, gesellten sich die kleinen Strapazen des Alltags, die sich nicht darin erschöpften, dass man aufgrund seiner Herkunft an einem Gemüsestand nicht bedient wurde. Irgendwie kamen wir auch in diesem Land zurecht, aber es war viel komplizierter als in jedem Land zuvor. Es gab zum ersten mal seit Nord-Mazedonien kaum noch öffentliche Wasserhähne, sodass wir meistens nach Wasser fragen mussten.

Zudem erwies es sich in diesem Land wesentlich schwieriger als zuvor geeignete Wildzeltplätze zu finden. Zum einen gibt es nur wenig Bäume, die Schatten und Sichtschutz bieten, zum anderen sind weite Teile des Landes von dornigen Pflanzen bewachsen, die Zelt, Luftmatratze und Reifen zu Leibe rücken. Außerdem waren immer und überall Menschen, die auch niemals nur vorübergingen, sondern uns ansprachen und unser Tun beobachteten. So war auch das Outdoor-Waschen und der Freiwildtoilettengang nicht mehr so unkompliziert möglich, wie wir es gewohnt war, wozu neben der mangelnde Möglichkeit sich zu verstecken die besonderen Sitten in Bezug auf körperliche Freizügigkeit beitrugen.

Für diese Alltagsprobleme konnten gelegentlich Parks Abhilfe schaffen, die zumindest in größeren Orten regelmäßig auch ganz hübsch sind, über Schatten, Rasen ohne Dornen verfügen und fast immer eine Toilette und einen Wasseranschluss haben. Zelten ist dort gar kein Problem: Auch unter Einheimischen ist es Gang- und Gäbe in Parks zu zelten. (Die Iraner benötigen allerdings regelmäßig noch nicht einmal einen Park, sondern zelten auch gerne direkt auf dem Bürgersteiger einer vielbefahrenen Hauptstraße.) Die Iranerinnen und Iraner lieben ihre Parks und sind deshalb besonders in den späten Abendstunden dort mit der ganzen Sippschaft versammelt oder unternehmen nach dem Abendessen noch eine kleine Spazierfahrt mit dem Moped im Park. So wurden die Vorteile, die das Park-Camp für uns bot, durch die Nachteile aufgehoben, dass man dort kaum Ruhe vorfindet. Allerdings ist es egal, ob Park oder Feldrand oder Wüste, im gesamten Land ist es eine Wissenschaft für sich einen ruhigen und einsamen Spot zu finden.

An Tag zwei hatten wir dann auch, nachdem wir den etwas betrübten Jascha etwa anderthalb Stunden hinter uns gelassen hatten, zum ersten mal in einem Park gezeltet, der innerhalb eines großzügig angelegten Kreisverkehrs angesiedelt war. Natürlich konnten wir nicht ins Bett gehen, ohne für ein paar Fotos zu posieren und wurden vom Dröhnen der Moped-Motoren in den Schlaf gewiegt.

Ein weiteres Alltagsproblemchen bescherte uns das Einkaufen. Um Lebensmittel zu kaufen, mussten wir nun mindestens 3 verschiedene Geschäfte aufsuchen (eins für Brot, eins für Gemüse, eins für den Rest), die es in jeder Ortschaft erst einmal zu finden galt. Besonders problematisch erwies sich dabei der Brotkauf. Die Iraner essen hauptsächlich das Fladenbrot Lavash, Naan oder Nun (die Unterschiede konnten uns selbst die schlauesten iranischen Gelehrten bisher nicht begreiflich machen), das zwar in einer Variante den gleichen Namen wie das armenische Fladenbrot hat, aber leider schlechter schmeckt und außerdem vertrocknet, wenn man es nicht sofort verspeist. Steckten wir es in die Fahrradtasche zerbröselte es in viele winzige Stücke. (Das Problem mit der schlechten Haltbarkeit konnten wir nach einer Weile immerhin lösen.) Es erinnerte in seinem Aussehen stark an Noppenfolie (worauf uns Lars brachte, den wir später in Isfahan kennenlernen sollten), weshalb wir diese Brotspezialität im Folgenden so nennen möchten.

Die Bäckereien sind zudem als solche nur schwer erkennbar, sie nutzen keine Schilder und der Eingang ist oft verhängt. Nach einigen Tagen hatten wir verstanden, dass immer dort, wo viele Menschen Schlange stehen (eigentlich stehen die Iraner nicht Schlange, sondern bilden einen Haufen, in dem permanent versucht wird den anderen abzudrängen), Brot verkauft wird.

Am fünften Tag unseres Iranaufenthaltes hingegen hatten wir das Brot-Game noch überhaupt nicht durchschaut. Nachdem wir uns am frühen Morgen durch den täbriser Verkehr aus der Stadt heraus gekämpft hatten, waren wir daher brotlos. Da uns der Verkehr inzwischen bereits gewaltig zu schaffen machte, folgten wir zur Abwechselung einmal wieder einer Avoiding-the-Mainroad-Empfehlung von Komoot, die sich zunächst auch noch als sehr tauglich, da asphaltiert erwies.

Am Ende irgendeines Kaffs, in welchem wir bei der Durchfahrt keinen Laden mit Brot entdeckt hatten, kam ein älterer Herr auf uns zu, als wir kurz anhielten. Wir wussten natürlich, dass er nun im Begriff war uns anzuquatschen, worauf wir bereits überhaupt keine Lust mehr hatten. Tilmann drehte den Spieß daher kurzerhand um und sprach ihn bevor er den Mund öffnen konnte seinerseits an: „Salam! Do you know, where we can buy some bread nearby?“ Der Angesprochene reagierte mit einer Art epileptischem Anfall, brachte aber nach einer Weile des Zuckens und mit einiger Anstrengung die Worte „Where are you from?“ über die Lippen. Kurz angebunden erwiderte Tilmann: „Germany. So what about the bread?“ Wieder krampfartig zuckend antwortete der offenbar vollkommen aus dem Konzept geratene, dies aber unter äußerster Willensanstrengung nicht zulassen Wollende: „Where do you go?“ Tilmann antwortete: „Like we told you, at the moment we would like to go somewhere where we can get some bread. Do you know a place?“ Zappelig in alle Himmelsrichtungen weisend brachte der um geeignete Hilfeleistung bemühte „Yes!“ hervor.

Uns bedankend fuhren wir kopfschüttelnd weiter und begannen allmählich zu begreifen, dass die meisten Einheimischen, die uns mit „Welcome!“, „Where from?“ und „How are you?“ begrüßten wirklich nicht ein Wort mehr Englisch sprachen, als in diesen drei Fragen enthalten war. Denn oftmals konnten sie mit der Antwort „Germany“ bereits nichts mehr anfangen, sodass wir hier regelmäßig noch „Alman, Almani“ anfügten.

Wenig später empfahl uns ein Fahrer eines blauen Pick-Ups (die ca. ein Fünftel des Verkehrs auszumachen scheinen) nach Täbris zu fahren, um Brot zu besorgen, das bereits 20 km hinter uns lag. Vermutlich hatte aber auch er unsere Frage nicht verstanden, ging aber davon aus, dass diese Stadt sicher die meisten unserer Bedürfnisse befriedigen können müsste.

Dem Thema Brot werden wir uns später in diesem Artikel erneut zuwenden. Zunächst erhielten wir am Abend dieses Tages noch eine Lehrstunde in Sachen unterschiedliche Auffassung von Höflichkeit und, so wie wir meinen, mangelnder Empathie. Wir waren wieder den ganzen Tag durch die unattraktive und verkehrsintensive Landschaft von West-Aserbaidschan unterwegs gewesen und hatten zu unserer großen Überraschung ein Stück abseits der Straße einen Walnuss-Hain entdeckt, der sich außerordentlich gut als Schlafplatz eignete. Unerfahren wie wir damals noch waren, waren wir auch guter Dinge hier unentdeckt zu bleiben.

Zunächst kam nach Einbruch der Dunkelheit jemand zu uns und leuchtete uns mit seinem Handy direkt ins Gesicht, sodass wir geblendet wurden und selbstverständlich nicht sehen konnten mit wem wir es zu tun hatten. Immerhin konnten wir vermitteln, dass wir uns das grelle Licht nicht behagte und zudem war er mit unserer Anwesenheit einverstanden, sodass er bald wieder verschwand.

Als wir dann schon schliefen, kamen ein paar junge Männer zu unserem Zelt, riefen “Hello, Hello” bis wir erwachten und schlaftrunken unsere Köpfe aus dem Zelt streckten. Erneut wurden wir von auf uns gerichteten Handy-Taschenlampen geblendet, als uns die Störenfriede aufforderten mit ihnen nach Hause zu kommen. Es kostete uns einige Mühe ihnen begreiflich zu machen, dass wir hier ganz zufrieden waren und einfach gerne weiter schlafen wollten. Wieder einschlafend fragten wir uns, wie um alles in der Welt man auf die Idee kommen konnte, dass wir in dieser Situation gerne unsere Sachen gepackt hätten und einen für iranische Verhältnisse paradiesischen Schlafplatz ohne Not hätten aufgeben wollen. Wie oben bereits angedeutet, haben Iraner jedoch vollkommen andere Ansprüche als wir an geeignete Schlafplätze, und wie wir erst noch lernen sollten, auch an das Schlafen an sich.

Insbesondere zu Beginn unseres Aufenthaltes, war auch der Umgang mit der heimischen Währung sehr lästig, denn sie war nicht nur wegen der vielen Nullen schwer zu verstehen. Offizielles Zahlungsmittel ist der Rial (zur Erinnerung: 1 Eur = 300.000 Rial). Gerechnet wird allerdings meistens in Toman, was durch das Weglassen einiger Nullen das Hantieren mit kleineren Zahlen ermöglicht. Nun sollte man annehmen, dass logischerweise drei Zehnerpotenzen, also 1.000, also drei Nullen entfallen sollten. Es fallen allerdings vier Nullen weg, sodass aus 300.000 Rial 30 Toman werden. Allerdings wird das nicht immer einheitlich so gehandhabt, denn gelegentlich ist von X-tausend Toman die Rede. Dann werden in aller Regel die vier weggestrichenen Nullen durch drei wieder angefügte ersetzt, sodass dann aus 300.000 Rial 30.000 Toman werden, also lediglich eine Null entfallen ist. Hinzu kommt, dass wir es im Kaukasus zwar bereits mit anderen Alphabeten, aber wenigstens stets mit arabischen Zahlen zu tun hatten.

Im Iran gab es nun jedoch eigene Ziffern, die es erst zu erlernen galt, da oftmals tatsächlich keine arabischen Zahlen verwendet werden. Allerdings weicht die Schreibweise teilweise erheblich voneinander ab und für die Ziffer 4 gibt es tatsächlich zwei verschiedene Zeichen, deren unterschiedliche Verwendung keiner Regel zu folgen scheint.

Dies hatten wir an Tag sechs im Iran allerdings bereits weitestgehend begriffen, als wir in der Stadt Bonab ankamen. Dort bot uns ein junger Mann Hilfe an, der, wie er uns bald erzählen sollte in Mailand studiert hatte und für ein Austauschsemester an der TU Aachen gewesen war. Tatsächlich war er gerade nur zu Besuch in Bonab, seiner Heimatstadt. Wir nahmen die Hilfe an, denn wir hatten im Brot-Game noch immer nicht Fuß gefasst und hatten eine weitere Strapaze insbesondere der ersten Tage, noch immer keine SIM-Karte auftreiben können. Während wir in Täbris noch am Freitag gescheitert waren, waren am darauffolgenden Tag in jeder Stadt, die wir durchquerten just in dem Moment der Laden des von uns aufgrund entsprechender Empfehlungen präferierter Netzbetreiber „Iran-Cell“ geschlossen.

Bevor uns Behzad bei diesen Angelegenheiten half, musste er uns jedoch noch zunächst einmal erklären wie das mit dem iranischen Geld funktionierte. Es war unser 6. Tag im Iran, wie er bereits wusste. Konnte er sich so schlecht in uns hineinversetzen, dass ihm nicht klar war, dass wir das längst begriffen haben mussten?

Eine SIM-Karte von „Iran-Cell“ konnte auch er uns nicht besorgen, aber da wir es nun leid waren, willigten wir ein auch mit einem anderen Provider Vorlieb zu nehmen. Zum ersten Mal auf unserer Reise gelang auch dies nicht reibungslos. Nachdem die Karte erworben war dauerte es mindestens 45 Minuten bis Julias Telefon tatsächlich einen Internetzugang aufbauen konnte. Mit Tilmanns Telefon hatte es nicht geklappt und wir hatten uns entschieden zunächst nur eine SIM-Karte zu verwenden und diese nach 30 Tagen in das andere Telefon einzulegen, wenn die IP des SIM-Slots durch den Staat geblockt werden würde. Als der Handyladen-Betreiber das Problem endlich gelöst hatte, ging die vierköpfige Runde auf den Erfolg einen Kaffee im benachbarten Café trinken. Einen dicken Pluspunkt geben wir dem Iran für seine Café-Kultur, die zumindest in Städten und größeren Orten etabliert ist. Wir konnte bereits viele nette Etablissements entdecken, die in der Lage waren das geliebte Heißgetränk wohlschmeckend zuzubereiten. Selbstverständlich bekommt man allerorts wieder Cay angeboten, aber im Gegensatz zur Türkei (Ausnahme Istanbul) sind hierzulande auch Siebträgermaschinen, Filterkaffee und French-Press bekannt und nicht ausschließlich Nescafé 3in1.

Doch in Sachen Brot konnte uns Behzad auch wieder nur mit der unbeliebten Noppenfolie helfen. Die Bäckerei die auch formpraktischeres Brot hätte anbieten sollen, erwies sich als geschlossen. Unser freundlicher Helfer hatte uns aber beim Thema Brot unbedingt zunächst darüber aufklären müssen, dass es im Iran nicht das Brot gab, das wir aus Deutschland gewohnt seien. Offenbar mangelte es ihm auch diesbezüglich an Einfühlungsvermögen, dass uns das nach sechs Tagen im Iran bzw. nach fünf Monaten auf Reisen vielleicht selbst bereits hätte auffallen können.

Später am Tag versuchten wir erneut dem Hauptstraßen-Terror zu entkommen. Dafür bezahlten wir eine Weile mit Gravel-Pisten-Terror der übelsten Sorte, auf der wir auf ebener Strecke sogar kurzzeitig schieben mussten, bevor wir tatsächlich auf eine relativ wenig befahrene Straße asphaltierte Straße des Nebennetzes erreichten.

Schlaf fanden wir auf einer gemähten Wiese, wo uns Diesel betriebene Wasserpumpen die ganze Nacht um die Ohren dröhnten.

An Tag 156 stießen wir nach Kurdistan vor und kommen bei dieser Gelegenheit erneut zum Thema Brot zurück:
Da wir nun mehrfach täglich gestoppt wurden und uns Hilfe angeboten wurde, beschlossen wir, dieses Angebote auch gnadenlos auszunutzen, immerhin verloren wir Zeit durch die Stopps und dieses wollten wir uns nun nicht mehr einfach so gefallen lassen. Außerdem hatten wir ernsthaft den Eindruck den Menschen eine Freude zu machen, wenn wir die Hilfe annähmen. Ein grundsätzlich netter wohlhabend wirkender Mann, der einigermaßen gut Englisch sprach, stoppte uns mitten auf dem Highway und bot seine Hilfe an. Wir erklärten ihm, dass es uns sehr schwer falle Brot zu finden, welches von der unbeliebten Machart des Lavash abwiche, obwohl wir wüssten, dass anderes Brot zu beschaffen sei (z.B. aus dem Hostel in Täbris.) und nicht das dünne Fladenbrot sei.

Wir erwarteten, dass er uns einen Hinweis geben könnte, in welchen Geschäften wir üblicherweise das andere Brot finden könnten. Stattdessen bot er an, in die nächste Stadt (Bukan) zu fahren, Brot zu kaufen und dann auf uns zu warten, um es uns zu übergeben. Wir hielten diesen Plan für relativ aussichtslos, da wir dachten uns im Gewimmel der Stadt nicht mehr zu finden, stimmten aber zu, weil wir uns ja nun einmal entschieden hatten unseren Nutzen aus der Gastfreudigkeit zu ziehen, wo immer es möglich war. Überraschenderweise fand uns der Brot-Mann im Verkehrsgewimmel der Vorstadt auch wieder, allerdings erkannten wir ihn zunächst nicht wieder, hielten ihn für einen weiteren SUV-Fahrer, der uns von der Straße abdrängen wollte, um sich über unser Wohlergehen zu erkundigen und fuhren zunächst weiter. Erneut holte er uns jedoch ein und überreichte uns leicht angesäuert eine große Menge an 2 verschiedenen leckeren Brotsorten. Wir entschuldigten und bedankten uns tausendfach und der Ärger war schnell vergessen.

Natürlich freuten wir uns, es wäre uns aber viel lieber gewesen, wenn wir selbst in der Lage wären, uns um unser Wohl zu kümmern und es hätte uns auch mehr beeindruckt, wenn die Bevölkerung dieses Staates in der Lage wäre ihr Land so zu organisieren, dass man nicht ständig auf fremde Hilfe angewiesen wäre.
Auch bei weiteren Hilfestellungen wurden wir im Ungewissen gelassen und nicht zu mündigen Gästen erzogen. Das Helfen scheint hier einen sehr hohen Wert zu haben und helfen kann man ja nur Hilflosen. Selbstverständlich ist das alles nicht böswillig gemeint und auch wir müssen uns von unseren Vorstellungen lösen und uns auf eine andere Kultur einlassen. Der Brot-Mann fragte uns nun auch noch in dem uns bereits bekannten leicht vorwurfsvollen Ton, warum wir denn nicht nach Bukan hinein gefahren wären, es sei doch so schön. Das glaubten wir keine Sekunde und erklärten daher aufgrund der im Verhältnis zur Landesgröße recht kurzen Visa-Gültigkeit sehr schnell reisen zu müssen. Dennoch lud er uns zu einem Cay in sein Büro in der Stadt ein, den wir ablehnten, da wir, wie bereits erklärt, weiterfahren wollten. Offensichtlich beleidigt, ließ er uns ziehen. Hätten wir bis zu diesem Zeitpunkt jedoch jede Einladung angenommen, wären wir nach sechs Tagen wahrscheinlich erst 50 Kilometer weit gekommen. Die Visum-Ausrede verwendeten wir daher regelmäßig.

Auf der Weiterfahrt an diesem Tag scheiterten wir in Saquez beim beteten eines Stadtparks an den sehr eng stehenden Pollern, die offensichtlich zur Motorradabwehr gedacht waren, ihren Zweck aber vollkommen verfehlten: Schlanke Motorräder, auf denen die männliche Jugend ab dem ca. 8 Lebensjahr überall hin unterwegs ist, konnte ungehindert passieren und taten dies auch. Die armen Radreisenden mussten leider draußen bleiben.

Daher fuhren wir noch ein Stück weiter, kauften zunächst aber noch etwas ein. Der Ladenbesitzer gestikulierte uns, dass wir die Ware nicht bezahlen brauchten, was wir aber ablehnten. Im Iran ist es ja Usus, dass man ein angebotenes Geschenk drei mal ablehnen muss und wenn man es dann noch einmal angeboten bekommt ist es auch ernst gemeint (wir konnten das nie so ganz konsequent einhalten, denn es gab nie einen so klar abzugrenzenden Schlagabtausch wie beim Tennis, sondern eher so ein Gestocher wie beim Wasserball). Er meinte es jedenfalls nicht ernst und kassierte nach unserer ersten Ablehnung dann doch ab.

Wir hätten diesen Artikel auch mit „Welcome to Iran“ betiteln können, denn diesen Gruß hörten wir mehrfach täglich. Dass der Grenzbeamte dies verkündete ergab ja noch Sinn, aber dass jeder daher gerollte SUV-Fahrer an einer Landstraße in der Mitte des Landes diese Formel verkündet, erscheint uns reichlich absurd. Willkommen heißen kann man Menschen unseres Erachtens lediglich im eigenen Wirkungsbereich, besser noch im eigenen Einflussbereich. Dieser dürfte sich aber eigentlich in jedem Land der Welt, sofern man nicht ein hoher politischer Würdenträger, einflussreicher Industrieller oder Untergrundgröße ist, auf den eigenen Haushalt, Laden oder maximal noch das eigene Stadtviertel (sofern man sich dort entsprechend engagiert) beschränken. Zudem ist unserer Auffassung nach ein Willkommensgruß lediglich bei der Ankunft angemessen und nicht zu einem beliebig späten Zeitpunkt eines Aufenthaltes. Schließlich wäre uns ein so plakativer Titel aber auch viel zu lahm gewesen und wir sind natürlich mächtig stolz auf das von uns erdachte Wort „Gastfreudigkeit“ und die damit verbundenen Überlegungen.

Warum sich die Iraner*innen so sehr über ausländischen Besuch freuen, ist uns noch nicht wirklich klar geworden, auch wenn wir versucht haben, dies zu erfragen. Die Antworten hierzu fielen von ganz blöd („the people are so friendly“) bis nicht ganz zu Ende gedacht aus: „The People want to show everybody, that there is a big difference between the government and the image it is showing the world about our country!“ Dies ist in zweierlei Hinsicht nicht zu Ende gedacht. Zunächst werden Menschen, die den Iran besuchen kaum davon ausgehen, dort nur bis unter die Zähne atombewaffnete Islamisten anzutreffen. Zum anderen denkt man sich als Besucher nach der tausendsten Beantwortung der Frage der eigenen Herkunft, dem tausendsten abgelehnten Hilfsangebot, dem tausendsten Selfie und dem tausendsten mal vom Hupen erschreckt und fast vom Fahrrad gefallen zu sein, ob es nicht angenehmer wäre lediglich zwei drei mal am Tag einen finsteren Blick mit Turban tragenden Terroristen auszutauschen zu müssen, anstatt niemals auch nur fünf Minuten seine Ruhe zu haben.

Dass wir mit dem Fahrrad reisen, scheint für die Menschen hier leider nicht besonders interessant zu sein, zumindest wurden wir dazu in den vorher bereisten Ländern mehr befragt. Übliche Fragen hier sind neben unserer Herkunft und wie es uns geht, was wir arbeiten und ob wir Kinder haben (bei beidem haben wir nichts zu bieten). Wir fragen uns auch, was wohl mit den Unmengen an Fotos von uns passiert. Vermutlich werden sie bei der ein oder anderen Gelegenheit im Familienkreis wie Trophäen herumgereicht.

Überraschend für uns: Mit Kritik am politischen System wurde nicht lange hinterm Berg gehalten. Eigentlich erzählte uns fast jeder nach den ersten drei Sätzen, dass er mit der Diktatur nicht einverstanden sei. Vor allem wurde kritisiert, dass es keine Reisefreiheit für Iraner gibt. Internet-Blockaden werden ohne große Bedenken umgangen und auch beim Tragen des Kopftuchs solle Julia sich nicht zu sehr stressen. Überhaupt wirkt die Gesellschaft weniger religiös auf uns, als beispielsweise in der Türkei. Der Muezzin ruft leiser und seltener, es gibt weniger Moscheen und es gehen weniger Männer dorthin zum Beeten. Eine Iranerin erklärte dies damit, dass die Religiosität vom Staat vorgegeben wird und deshalb die Menschen wenig Lust darauf haben und vermeiden, was sich vermeiden lässt. Allerdings waren wir auch bei einigen sehr konservativen Familien zu Gast, doch davon wird später berichtet werden.
Wir hatten mit einer viel weniger freien Gesellschaft gerechnet, der man die Repressalien der Staatsmacht ständig anmerkt. Aber auch Frauen, obwohl ihre Rechte de facto nicht die selben sind wie jene der Männer, traten uns gegenüber sehr offen auf. Um wieder den Vergleich mit der Türkei zu bemühen: Während dort viele Frauen deutlich zurückhaltender agierten, als die Männer und auf Grüße und ein Lächeln regelmäßig gar nicht reagierten, wurden wir im Iran von Anfang an von Frauen fast in gleichem Maße angesprochen und angehupt.

„You will love this country“, prophezeite uns Jascha bei unserem Aufenthalt in Marand. In den darauffolgenden Tagen, fragten wir uns, was er gemeint haben könnte: Den Verkehr, die Belästigungen, die trockene Steppe, das Chaos? Es gefiel uns überhaupt nicht. Wir waren wirklich der Meinung einen großen Fehler begangen zu haben und grübelten vielfach darüber nach, wie wir einen möglichst schnellen Ausweg aus diesem Fiasko finden könnten. Rückblickend können wir sagen, dass wir einen ordentlichen Kulturschock hatten, was uns auch bereits vor der Reise vorausgesagt worden war. Uns war das damals etwas albern erschienen, denn es war ja klar, dass wir bis zum Iran bereits eine ganze Weile unterwegs gewesen wären, sich der Kulturschock also längst vorher hätte einstellen müssen. Aber der Iran war tatsächlich mit nichts davor zu vergleichen.

Nachdem wir nun gut sechs Wochen in diesem Land waren, hatte sich eine Mischung aus Gewöhnung und zu wissen, wie wir damit umgehen können eingestellt. Das Land hat sich in dieser Hinsicht nicht geändert (wobei wir auch meinen regionale Unterschiede ausgemacht zu haben), aber wir haben unsere kritische Meinung, die ihr oben gelesen habt, teilweise revidiert und uns dem Land angenährt. Von einer Reise kommt man verändert zurück, sonst war es keine richtige Reise. Trotzdem wird der Iran nicht das Lieblingsland unserer Reise gewesen sein. Und trotz dieser versöhnlichen Worte zum Schluss sei an dieser Stelle bereits verraten, dass die Woche, die wir in Kurdistan zubrachten uns ebenso wenig gefiel und sich einiges sogar noch schlimmer entwickelte als in der ersten Woche. Der Iran-Verriss wird daher auch im nächsten Beitrag zunächst noch weiter gehen.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.

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12 Gedanken zu “gastfreundlichkeit oder gastfreudigkeit? 🇮🇷

  1. Ich musste häufig lachen und sehe Tilmann vor mir, wie er innerlich schäumt.
    Die armen Iraner, hoffentlich lesen sie diesen Beitrag nicht, verstehen werden sie das nicht, ebenso wie ihr dem Land mit Unverständnis begegnet. Die Bilder zeigen tatsächlich nichts attraktives, aber in trockenen Ländern ist im Sommer eh alles trostlos. Immerhin sind die Menschen, zumindest aus Bildern im TV zu ersehen, überwiegend schön, zumindest solange sie jung sind. Ich bin gespannt auf weitere Berichte…

    1. Da trotz großer Deutschlandverehrung (Thema im übernächsten Beitrag) niemand Deutsch spricht, besteht zum Glück nur ein sehr geringes Risiko dass jemand mitliest der sich persönlich angegriffen fühlen könnte.

  2. Es ist erstaunlich, das zerriebene, mit Wasser und gelegentlich weiteren Zusätzen vermengte Grassamen sich fast weltweit so durchgesetzt haben.
    Immerhin spricht die positive Darstellung der Parks bzw. Grünflächenaffinität für das Land.
    Andererseits habe ich mal gehört, dass ein iranisches Sprichwort lautet: „Wenn du einem Affen ein Smartphone gibst, kann er sich unbehelligt unter das Volk mischen.“ Aber was kann man denn eigentlich für 1 Rial kaufen? eine Berglinse, ein Stück qualvoll verendeten Käfig-Welpen oder eine Kamelwurstpelle?
    Apropos auf die Pelle rücken: Vielleicht ist Harry S Morgan ja auch im Iran sozialisiert worden, was die frappierende Unterschreitung der Intimsphäre erklären würde.
    P.S.: Hoffentlich loosen die Iraner bei der WM so richtig ab.

    1. Für 1 Rial kann man genau 1 Reiskorn erwerben, allerdings nur mit digitaler Zahlung, denn die kleinste Einheit der physischen Währung ist der 5000er Schein, immerhin 1,6 Cent.
      Wenn sie kurzfristig noch Klinsmann als Trainer einstellen, haben sie vielleicht doch noch eine Chance, gehen aber das Risiko ein, dass er vor dem letzten Gruppenspiel, in welchem es um alles gehen wird, kündigt, weil er beleidigt ist weil er kein Obst bekommt.

  3. Woohooo, nach harter Lesearbeit endlich up to date! 🙂

    Das Rad schieben wollen, euch nach einer Woche noch das mit dem Geld erklären wollen… alles nur Zeichen der Höflichkeit. Ich empathieloser Roboter hätte so etwas vermutlich auch geschafft! 🙈

    Lasst sie doch „Welcome to Iran“ sagen wenn sie das wollen… Vielleicht fühlen sie sich ja als Iraner*innen und daher ist der Satz auch mitten im Land angebracht? 🤷

    Der Rest klingt leider wirklich gruselig. Vielleicht solltet einfach ihr beide Terroristen-Turban tragen und finstere Blicke werfen, um in Ruhe gelassen zu werden?

    Und vielleicht kann das Schätzelein ja da hin gehen und die ganzen leidenden Tiere aufessen, damit ihr Leid ein Ende haben kann? Danke! 😅

    Welcome to Iran!

    1. Natürlich ist es nicht dramatisch wenn man im Iran willkommen geheißen wird. Wenn man aber gerade an einer stark befahrenen Kreuzung in der brütenden Sonne mit dem Kartenstudium beschäftigt ist und davon unterbrochen wird, um diese Höflichkeitsfloskel über sich ergehen lasszzu müssen kann das schon auf die Nerven gehen.
      Gute Idee Schätzelein. Gib ihm!

  4. Ich kann mir das alles lebhaft vorstellen. Warum wurdet ihr am Gemüsestand nicht bedient? Wegen Klinsmann? In Albanien hat uns ein Brotverkäufer die Hände geschüttelt, weil die deutsche Mannschaft am Abend davor in der WM ein Tor erzielt hat * danach ging es nur noch bergab mit der WM. Brot durften wir trotzdem kaufen. Mapa
    Das war 2018. Und der Schütze war??? Jedenfalls wir nicht 😅

    1. Also 2018 hat Deutschland 2 Tore geschossen, beide gegen Schweden. Reus und Kroos.
      Wir wurden nicht bedient da das vor lauter Gastfreudigkeit offenbar nebensächlich erschien…

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