ups and downs 🇦🇲

Tag 142 bis 149 (22.08. bis 29.08.)
Distanz: 403,6 km
Höchster Punkt: 2.535 m
Tiefster Punkt: 530 m
Rauf: 7.700 m
Runter: 8.030 m

Nun, trotz dass uns Yerevan recht gut gefiel, hatte unser Aufenthalt dort keine Zukunft, denn die dort herrschende Hitze drohte uns zu lähmen. Für die Weiterreise war unser Plan morgens sehr früh aufzubrechen, bis zur Mittagshitze ordentlich Strecke gemacht zu haben, dann eine lange Siesta einzulegen und am späten Nachmittag noch einmal ein paar Kilometer abzustrampeln. Das gelang uns zwar nicht bis wir die Grenze zum Iran erreicht hatten, aber zumindest am Tag unseres Aufbruchs aus Yerevan mustergültig.

Bereits um kurz nach sieben saßen wir auf den Rädern und sahen zu, dass wir die Stadt schnell hinter uns ließen. Dabei fuhren wir überwiegend auf einer gut ausgebauten Landstraße parallel zur Autobahn und kamen aufgrund des leichten Gefälles unglaublich gut vorwärts. Die Kilometer flogen uns nur so um die Ohren und eh wir uns versahen, es war erst halb elf, hatten wir schon 60 Kilometer hinter uns gelassen. Nur wenige Kilometer weiter, inzwischen ging es leicht bergauf, erreichten wir den perfekten Rastplatz und entscheiden uns trotz der verhältnismäßig frühen Stunde hier also unser Siesta-Quartier einzulegen.

Die armenischen Picknick-Plätze sind mit großem Abstand die komfortabelsten auf unserer bisherigen Reise und dieser war besonders schön. Es gab mehrere Tisch-Bank-Garnituren unter Bäumen im Schatten und überdacht, fließendes Trinkwasser, Toiletten und einen Grill. Besonders charmant war der Umstand, dass von anderen Besuchern mal wieder Kleinigkeiten zurückgelassen wurden: Salz, Zwiebeln, Zucker und Spülmittel diesmal. Irgendwann kamen drei Herren im Auto vorbei, die sich nur kurz frisch machen wollten. Quasi als Wiedergutmachung für die kurze Ruhestörung schenkten sie uns ein paar Schoko-Croissants. Ansonsten waren wir hier genau so lange ungestört, wie wir uns auch aufhielten. Als wir am Nachmittag wieder aufbrechen wollten, kamen kurz nacheinander zwei Herren-Gruppen zum Grillen. Die erste Gruppe von drei älteren Herren guckte ein wenig bedröppelt als ihnen im Abstand von wenigen Minuten eine große Truppe junger Soldaten folgten, die zahlreiche Schnapsflasche aus dem Auto packten.

Wir mussten nun 1.200 Höhenmeter überwinden, was uns dank der vorangegangenen Pause nicht sonderlich schwer fiel. In den kurzen Pausen konnten wir Pflaumen ernten und waren insgesamt äußerst zufrieden mit dem Verlauf des Tages. Als wir den Berg fast überwunden hatten, trafen wir einen Radreisenden der erfrischender Weise einmal nicht aus Frankreich, Deutschland oder der Schweiz, sondern aus Russland kam. Er war allerdings nur auf einem neuntägigen Urlaubstrip und daher schwer begeistert von unserem Unterfangen.

Unser Nachtquartier schlugen wir oberhalb des Hell’s-Canyon auf, mussten allerdings aufgrund des aufkommenden heftigen Windes von dem Punkt mit der schönen Aussicht noch einmal umziehen, nachdem wir das Zelt schon aufgebaut hatten. Da nun aber bereits die Dunkelheit einsetzte, war es zumindest nicht schade um die schöne Aussicht.

Auch an Tag 143 unserer Tour gelang es uns früh aufzustehen, allerdings begann der Morgen mit einer Erkundung des Hell’s-Canyons zu Fuß. So wie der Name der recht sehenswerten Schlucht einem Abenteuer aus der Feder Stefan Wolfs hätte entspringen können, so wenig ließ sich, ganz wie es auch bei angesprochenem Autor gewesen wäre, eine Veranlassung für diese finstere Namensgebung erkennen. Offenbar war hier (und auch das wäre dann eine Analogie zum Erfinder der TKKG-Bande) der ausschließliche Grund der Namensgebung Effekthascherei. Dennoch war es, wie schon gesagt, recht hübsch dort unten und wir entdeckten beispielsweise zwei übereinander liegende Höhlen, wobei man von der unteren in die obere hätte klettern können, was uns allerdings zu waghalsig erschien.

Zurück auf der Straße wurden wir am nächstgelegenen Brunnen auf einen Kaffee eingeladen und mit frischen Gurken versorgt. Im Anschluss ging es wieder ein kurzes Stück bis auf gut 1.800 m bergauf bevor eine lange Abfahrt, hinunter auf gut 1.000 m folgte. Fast unten angekommen füllten wir erneut an einem Brunnen Wasser, der neben einer mit Weinreben überwucherten Hütte stand. Aus jener Hütte kam just in dem Moment ein älterer Herr, der den sein Hemd waschenden Tilmann abdrängte, um am Brunnen seine Schaschlik-Spieße zu spülen. Gastfreundlich wie die Armenier nun einmal sind, wurden wir auf einen Umtrunk in seine Laube eingeladen. Während er sich mit Wodka den Rachen spülte, schafften wir es es bei einem, oder auch zwei Gläschen Wein zu belassen. Da die Kommunikation, wie so oft, nur sehr eingeschränkt möglich war, wurde, wie so oft, telefonisch Englisch sprechender Beistand angerufen. In diesem Fall wusste die Tochter aber nicht so recht, was sie als Außenstehende beitragen sollte und es blieb bei einem kurzen Smalltalk. Bei unserem Aufbruch wurden wir noch mit reichlich Weintrauben und Pfirsichen eingedeckt und ließen nun noch die letzten Höhenmeter hinter uns. Wir konnten uns nicht zum ersten mal des Eindrucks erwehren, dass diese Art von Einladungen dem Einladenden als Rechtfertigung galten sich selbst auf Standgas zu bringen, so wie für deutsche Altherren Besuche von Kreisligaspielen als Alibi herhalten müssen.

Den Rest des Tages, an dem wir uns nun Richtung Südwesten bewegten, ging es moderat auf und ab, teilweise durch spektakuläre Schluchten, teilweise durch staubige Orte. Überhaupt wirkten die Orte, bestehend aus grauen einstöckigen Flachdachbauten bis hin zu Sowiet-Blocks, wenig charmant auf uns. Farbkleckse gaben hier nur die frische Wäsche, die über die Straßen gespannt war. Auf der Suche nach einem Rastplatz für die Siesta waren wir leider wenig erfolgreich und ruhten eine knappe Stunde mehr schlecht als recht am Rande eines Feldweges auf steinig staubigem Untergrund. Da das wenig Spaß machte, kämpften wir uns noch einmal hoch und fuhren noch etwa 10 km weiter zu einem besser geeigneten Platz an einem Fluss, den wir sogleich als Endpunkt der Tagesetappe auserkoren.

Kurz nachdem wir uns niedergelassen hatten, vernahmen wir ein herzzerreißendes Winseln aus dem Gebüsch und schon gesellte sich ein kleiner Welpe zu uns. Nachdem wir angefangen hatten den recht fidel wirkenden Junghund mit Fladenbrot zu versorgen, tauchte auch noch sein Schwesterchen auf. Als das Brot verschlungen war, bekamen die zwei natürlich noch eine Portion von unseren Nudeln ab und als das immer noch nicht langte, wir aber auch nicht mehr viel zu bieten hatten, kochte Tilmann ihnen noch einen Pudding aus Mehl, Flusswasser, Zucker, Sonnenblumenöl und Möhrenschalen. Danach fielen die zwei in einen tiefen Schlaf und eine Katze erschien auf der Bildfläche. Nur mäßig begeistert vom ihr angebotenen Brot suchte sie bald das Weite, als wir feststellten, dass unser Lagerplatz an einer Furt lag, durch die sich jetzt zwei schwere Lkw kämpften. Tief in der Nacht kamen sie wieder zurück, die Insassen interessierten sich nicht besonders für uns.

Der nächste Tag stellte uns nun wieder in dreierlei Hinsicht auf eine harte Probe. Zunächst mussten wir wieder einmal liebgewonnene kleine vierbeinige Freunde zurücklassen, nachdem wir ihnen immerhin noch einmal eine ordentliche Portion Brot zum Frühstück serviert hatten. Gemessen am Grad der Vermüllung unseres Nachtlagers und dem eigentlich guten Ernährungsstand der beiden, konnte man jedoch wenigstens davon ausgehen, dass der Ort regelmäßig frequentiert wurde und dabei auch immer etwas für die zwei abfiel.

Die zweite Herausforderung stellten die zu absolvierenden Höhenmeter dar, immerhin 1.350. Als wir gerade mit dem Aufstieg begonnen hatten, meldete sich auch sogleich Challenge Nr. 3, nämlich ein strammer Gegenwind. Dieser wollte uns auch so schnell nicht mehr in Ruhe lassen. Das schlimme beim Aufstieg war nicht nur die zusätzliche Anstrengung sondern auch sein böiger Charakter, die einen gelegentlich gefährlich aus der Bahn drängte.

Der steile Anstieg zwang die Straße immer wieder sich in Serpentinen den Berg hoch zu schlängeln und so konnten wir in einigen wenigen Momenten erleben, wie schön es sein kann mit einem kräftigen Rückenwind bergauf zu fahren. Wie gesagt, gab es von diesen Momenten jedoch leider viel zu wenige und so kamen wir ziemlich entnervt und geschlaucht auf dem höchsten Punkt des Vorotan Pass an (2.360 m), über den die Grenze zur südöstlichsten Provinz Armeniens, Sjunik, verläuft. Der Vorotan Pass bildet übrigens auch einen Teil der historischen Seidenstraße und so wird die Provinzgrenze hier mit einem gigantischen dunkelgrauen steinernen Tor markiert.

Bergab haben wir gegen Gegenwind nichts einzuwenden, da dies äußerst angenehm ist, da man das Rad einfach rollen lassen kann und nicht ständig an den Bremsen festklammern muss. Da uns der Gegenwind aber nicht in Ruhe lassen wollte, mussten wir bald wieder kräftig in die Pedale treten und legten am Spandarian Stausee aufgrund des fehlenden Schattens statt einer Siesta lediglich eine kurze Rast ein. Nach Wiederaufbruch trafen wir am Ufer des Sees mal wieder auf andere Radreisende, diesmal zwei Schweizer, die allerdings aufgrund ihrer Herkunft aus dem deutschsprachigen bzw. dem französischsprachigen Teil Englisch miteinander sprachen. Ihr Tagesziel war das noch knapp 75 km und etliche Höhenmeter entfernte Tatev. Nicht nur aufgrund des krassen Gegenwindes kam uns dieses Vorhaben reichlich ambitioniert vor und da wir sie kurz nachdem sie vor uns wieder losgefahren waren schon wieder überholten, glauben wir nicht wirklich, dass ihnen das gelungen ist.

Die Straße führte nun über eine riesige Freifläche, ohne Schatten oder Windbrecher. Wir hatten inzwischen ziemlich die Schnauze voll von Sonne und Wind und nahmen daher einen kleinen Umweg für einen voraussichtlich wirklich schönen Schlafplatz in Kauf. Da zudem für den Folgetag erneut starker Wind aus selbiger Richtung angekündigt war, entschieden wir uns für den Falle des Gefallens unseres Quartiers, uns mit Verpflegung für einen Ruhetag auszustatten.

Schließlich erreichten wir den Shaki Wasserfall, der den kleinen Umweg wirklich Wert gewesen war. Allerdings handelte es sich auch um eine echte Touristenattraktion und so war in dem Areal doch ganz schön reger Betrieb. Glücklicherweise mussten wir aber nur ein Stück an dem Parkplatz mit drei Souvenir-Läden vorbei fahren und hatten tatsächlich einen schönen und ruhigen Rastplatz an einem seichten Fluss im Schatten eines imposanten Basaltfelsen gefunden, der sich für einen Ruhetag eignete.

Am nächsten Morgen wollten wir uns den Wasserfall noch einmal in aller Ruhe und ungestört anschauen und trauten unseren Augen kaum: Der Wasserfall war quasi abgedreht, er führte vielleicht noch ein Zehntel seiner gestrigen Wassermenge. Julia, die am Vortag nicht mit bis zum Wasserfall gekommen war und stattdessen den schönen Zeltplatz ausgekundschaftet hatte, ging bei dem Anblick zunächst davon aus Tilmann wolle ihr einen Bären aufbinden und der Wasserfall sei eben doch nicht so spektakulär. Tilmann hingegen war vollkommen fassungslos, schließlich stellt man doch einen Wasserfall in der Nacht nicht einfach ab. Dann erinnerten wir uns allerdings an das kleine Wasserkraftwerk, das wir bei unserer gestrigen Ankunft auf der anderen Seite des Berges gesehen hatten. Offenbar wurde hier eben doch über Nacht der Wasserfall abgestellt, um das Wasser zur Stromproduktion umzulenken. Wir kletterten also an dem kümmerlichen Restwasserfall vorbei den Felsen hoch, folgten dem Flusslauf bergauf uns sahen uns bald in unserer These bestätigt.

Zurück am Zelt sahen wir bei Google Maps, dass für den Wasserfall tatsächlich Öffnungszeiten eingetragen waren. Daraus schlossen wir, dass das Wasser ab 11 Uhr wieder den Felsen herunter stürzen und nicht mehr durch den Stollen im Berg geleitet würde. Leider kamen wir dann jedoch einen kurzen Augenblick zu spät, um das Wiedererwachen des Sturzbachs zu erleben, denn die Schleusen waren wohl schon gegen viertel vor elf wieder geöffnet worden. Interessant war auch die Beobachtung, die wir in diesem Zusammenhang an einem Trinkbrunnen gegenüber des Kraftwerks machten. Während am Vortag tagsüber das Wasser etwa 10 cm in die Höhe quoll, schoss es am Morgen, vor Wiederinbetriebnahme des Wasserfalls, mit deutlich mehr Elan mindestens 30 cm empor. Wir schlossen daraus, dass hier also einfach das Flusswasser zu Trinken angeboten wurde. Da wir das Wasser getrunken und gut vertragen hatten, stellten wir fest, dass wir inzwischen allem Anschein nach ganz schön abgehärtet waren.

Den Rest des Tages verbrachten wir am Fluss und blieben tatsächlich die ganze Zeit vollkommen ungestört, obwohl wenige Meter weiter der Rummel wieder im vollen Gange war. Zur großen Erheiterung trug das Studium eines Papers bei, dass Robert Julia quasi als Geburtstagsgeschenk im Gipsy Camp mitgegeben hatte. Wir waren bisher nicht dazu gekommen uns mit ihm zu beschäftigen und amüsierten uns nun köstlich, denn es handelte von Bewusstseinserweiterung, hatte aber offenkundig schon deutlich ein Weilchen auf dem Buckel. Während Julia in der Hängematte döste und das geometrische Lichtspiel des Blätterdachs und die mystischen Formationen im Basaltfelsen betrachtete, hatte Tilmann immer etwas zu tun: Die Lenkertasche wurde geflickt und verziert, ein Kaffeetisch wurde gesucht und aufgebaut, ein Becken zum Baden wurde im Fluss ausgehoben und dem Umweltschutz wurde durch das Einsammeln von Müll Rechnung getragen.

Wir waren ja nun im südlichen Teil des Kleinen Kaukasus und das bedeutete, dass es nach einem bergab auch immer wieder ein bergauf gibt. So ging es, nachdem wir es in dem für Armenien typischen großflächigen aber einwohnerarmen Städtchen Sissian so gerade eben geschafft hatten, die nötigsten Lebensmittel zusammen zu kaufen, auf moderat ansteigende 575 Höhenmeter hinauf. Allerdings lief es bei Tilmann nicht rund an diesem Tag. Der Ruhetag hatte leider nicht wirklich zur Erholung beigetragen, sondern schien das Gegenteil bewirkt zu haben. Seine Beine schmerzten erheblich und er schleppte sich nur mühsam vorwärts. Als wir bei der Abfahrt an einer Tankstelle im Schatten unter einem Schirm rasteten, begann er tatsächlich zu frieren und legte sich daher für etwa eine halbe Stunde auf einer Mauer in die pralle Sonne. Etwas verwundert über das geringe Aufkommen an Abenteurern auf Motorrad, Fahrrad oder im Expeditionstruck in den vergangenen Tagen, beobachteten wir nun mindestens 15 Wohnmobile mit deutschen und schweizer Nummernschildern, die an uns vorbei sausten.

Nicht wirklich erholt rollten wir nun weiter in Richtung Tatev (es ging zum Glück wieder bergab) bzw. in Richtung Wortan-Schlucht, in der tief unten die Teufelsbrücke den Bazarcay überquert. Bevor es die tiefe Schlucht steil bergab ging, warfen wir einen kurzen Blick auf die nördliche Station der „Wings of Tatev“ Seilbahn. Sie ist mit ihrer schrägen Länge von 5750 m die längste Pendelbahn, die in nur einem Abschnitt gebaut wurde, und hält den Rekord für die längste zweigleisige Nonstop-Seilbahn. Dort wurden wir von einem älteren deutschen Ehepaar angesprochen, die Teil der von uns beobachten deutsch-schweizerischen Wohnmobilkolonne waren. Während die anderen Teilnehmer der Tour auf dem Weg Richtung Australien waren, wollten die beiden in Singapur aussteigen. Sie ermutigten uns den Weg durch Pakistan zu wagen, sie selbst seien ihn schon einmal mit dem Auto gefahren. Wir sollten uns doch einfach von einem Lkw mitnehmen lassen.

Jetzt mussten wir uns aber erst einmal in die Wortan-Schlucht herabstürzen. Auf etwa halber Höhe entdeckten wir auch für ein Nachtlager geeignete Plätze in einem Kiefernwald, entschieden uns aber, trotz Tilmanns angeschlagenen Gesundheitszustand, bis zur Teufelsbrücke weiter zu fahren, in der Erwartung einen noch schöneren Platz am Bazarcay zu finden. Unten angekommen waren wir auch auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Die Schlucht war hier unten nur etwa 80 m breit, die Brücke, die eigentlich eine natürliche Felsformation war, durch die sich der Fluss ein Loch gegraben hatte, nur etwa 20 m lang. Die Sonne strahlte noch mit ganzer Wucht auf uns herab und es quälte sich ein Lkw nach dem anderen (inzwischen viele mit iranischem Kennzeichen) auf der einen Seite den Berg hinab, auf der anderen den Berg hinauf. Obwohl nicht sehr gemütlich hier unten, tummelten sich hier iranische und armenische Touristen.

Tilmann, der sich nun kaum noch auf den Beinen halten konnte, bat Julia die Greenscreen irgendwo in den Schatten zu werfen, legte sich sogleich darauf und schloss die Augen. Julia erkundete derweil das Gelände. Dabei machte sie zunächst einen leidlich geeigneten Spot für unser Zelt, hinter einer Bude auf einem Parkplatz aus. Da für den Aufstieg nach Tatev über unzählige Serpentinen 550 Höhenmeter auf nur 5,8 km (also eine durchschnittliche Steigung von 9,5 %) zu überwinden waren, stand außer Frage, dass wir uns mit diesem Platz begnügen mussten. Zudem mussten wir hoffen, dass Tilmann am nächsten Morgen wieder fit war.

Auf ihrer weiteren Erkundung kletterte Julia nun über diverse Treppen, Leitern und in den Fels gehauene Stufen hinab bis zum Bazarcay. Dort wies ihr ein älterer Herr, dessen Hobby dies zu sein schien, den Weg durch das Wasser in die Tropfsteinhöhlen und zu den warmen Thermalquellen. Begeistert berichtete sie Tilmann im Anschluss von ihren Entdeckungen, der dafür in seinem Zustand aber wenig empfänglich war.

Als der Schatten entsprechend vorgerückt war, zogen wir um zu unserem Zeltplatz, wo Tilmann sich erneut nur auf die Greenscreen fallen lassen konnte, auf der aber nun immerhin die Luftmatratze für mehr Liegekomfort sorgte. Julia musste nun die ganze Arbeit alleine machen, also Kochen und das Zelt aufbauen. In der Nacht schwitzte Tilmann unter merkwürdigen Träumen über blecherne Modifikationen an seinem Fahrrad, die den Durchbruch bei morgigen Aufstieg bringen sollten, den Infekt weitestgehend aus und war am nächsten Morgen, trotz der auch nächtlich nicht abschwellenden Geräuschkulisse der Lkw Kolonnen, weitestgehend wieder kuriert.

So besuchten wir am Morgen 147 noch einmal gemeinsam die Grotten unter der Teufelsbrücke und Tilmann musste trotz anfänglicher Proteste eingestehen, dass er einen Verzicht auf diesen Exkurs sicher bereut hätte, auch wenn er bedeutete, dass wir nun in der vollen Sonne nach Tatev heraufklettern mussten.

Der Verkehr hatte glücklicherweise am Morgen ein wenig nachgelassen und so machten wir uns nach dem Motto „Augen zu und durch“ an den Aufstieg. Er war so brutal wie man sich ihn vorstellt, zumal wir uns ja nicht einen Meter weit „warmfahren“ konnten. Aber wir bissen die Zähne zusammen und waren nach einer guten Stunde oben. Aus welchem Grund auch immer waren die letzten 500 Meter vor dem Ort Tatev nicht mehr asphaltiert und Julia wurde von einem vorbeifahrenden Lkw dermaßen eingestaubt, dass sie um Atem ringend anhalten musste, bis sich die Partikel wieder verflüchtigt hatten.

Wir besuchten nun aus Anstand das ansässige Kloster, für welches erneut galt, dass die umgebende Natur viel sehenswerter war als das alte Gemäuer. Dort trafen wir zunächst ein Pärchen aus Südtirol, das wir bereits von Sandras Campingplatz kannten. Dann sprach uns noch eine Wandergruppe des Deutschen Alpenvereins an, die von unserer Unternehmung sichtlich beeindruckt war. „Da haben wir ja mal ein paar richtige Cracks getroffen“ hieß es, was uns für die nächsten Höhenmeter etwas Schwung gab.

Als es nach kurzem Bergab schon wieder extrem steile 200 m bergauf ging, hatten wir am frühen Nachmittag die Schnauze bereits nach insgesamt 28,5 km voll und entschieden uns unterhalb des Khachdash-Rückens an einem erneut wunderschönen Picknickplatz mit Vollausstattung zu bleiben. Hier konnten wir am fließenden Wasser unsere Klamotten waschen und mal wieder die Solardusche befüllen.

Als wir am nächsten Morgen mit dem Packen etwa zur Hälfte fertig waren, fuhren zwei vollbesetzte Ladas vor, denen zehn missmutig dreinblickende rauchende Männer verschiedenen Alters entstiegen. Ohne Gruß begannen sie die frisch angepflanzten Sträucher zu gießen und warfen kritische Blicke auf unsere verteilten Habseligkeiten. Zum Abschied wurde ein im Hintergrund gebliebener eigentlich noch am freundlichsten aussehender Zeitgenosse vorgeschickt uns auszurichten wir sollen beim Verlassen das Tor verriegeln. Als wir dies nickend zusicherten verabschiedete er sich mit den Worten „Sorry, no Hotel!“

Nun ging es bis zum Provinzhauptstädtchen Kapan in südöstlicher Richtung den Berg hinab. Dort angekommen waren wir nur noch wenige hundert Meter von der Grenze zu Bergkarabach entfernt, in das wir nun herüberblicken konnten. Da sich nun Julia am heutigen Tage sehr schlapp fühlte, legten wir in dem Städtchen am Voghdschi-Fluss mit etwa 45.000 Einwohnern eine lange Rast ein, die sich noch länger hinzog als eigentlich beabsichtigt, da wir geschlagene 50 Minuten in der Filiale einer Fastfood-Kette auf unsere vier Stücke Pizza warten mussten, hingegen die dort eingekehrten Soldaten allesamt vor uns bedient wurden. Vor dem Supermarkt, in dem wir eine Flasche Sonnenmilch für 17 Euro erwerben mussten, wurden wir zum ersten Mal auf unserer Reise aktiv um Almosen angebettelt.

In Kapan mussten wir unsere Reiserichtung nun wieder gegen Westen ändern, als wir uns am Verlauf des Voghdschi die M2 herauf in Richtung Meghri Pass kämpften. Steigung, Sonne und Wind zwangen uns bereits nach wenigen Kilometern zu einer erneuten Rast an einer wenig gemütlichen Einbuchtung. Als wir kurz nach der Weiterfahrt einen wesentlich schöneren Platz mit Wasser und Bank entdeckten, legten wir schon wieder die nächste Rast ein. Inzwischen war klar, dass wir es heute nicht mehr bis zum Pass schaffen würden und so entschieden wir uns nach etwa 46 km auf einer großen Fläche mit schöner Aussicht das Zelt aufzuschlagen.

Heute sollte nun aber endlich unser letzter Tag in Armenien sein, nur noch der 2.535 m Meghri Pass lag zwischen uns und dem Land, in dem unser nächstes Etappenziel lag. Von unserem Nachtlager aus waren das noch über 1.000 Höhenmeter. Wir packten es also an und konnten die ersten Kilometer aufgrund der frühen Stunde noch teilweise im Schatten absolvieren. Nach etwa 7 Kilometern machten wir in Kadscharan eine kurze Pause, um unsere Wasservorräte wieder aufzufüllen und blickten beeindruckt in das uns umgebende Bergpanorama. Zwar ließ es sich auf der Karte bereits erahnen, ganz klar war uns allerdings noch nicht, dass uns die Straße über unzählige Haken und Ösen an die Spitze der direkt über uns liegenden Felswände führen würde. Kurz hinter Kadscharan begann die Steigung dann merklich zuzunehmen.

Mit der Steigung nahm auch der Verkehr deutlich zu. Ein iranischer Lkw nach dem anderen dröhnte an uns vorbei und blies uns Stickoxide und Rußpartikel um die Ohren. Das ein oder andere Überholmannöver war dabei durchaus ziemlich gewagt. Da half es wenig, dass uns viele der Kraftfahrer aufmunternd anhupten oder uns einen „Daumen hoch“ zeigten.

Ziemlich amüsiert stellte Tilmann mal wieder fest, auf welchen absurden Routen Komoot teilweise vorschlug zu reisen. Mal waren es die allseits bekannten Einfälle des „Avoiding-the-mainroad“ Algorithmus, die Hauptstraße für zweihundert Meter auf einem unbefestigten Weg die Böschung hinauf mit Umweg zu umfahren, mal waren es Abkürzungen zwischen Serpentinen mit 20 % Steigung über einen Weg der vielleicht zuletzt vor 25 Jahren von einer Baumaschine angelegt und letztmalig benutzt worden war. Gegen 12:30 Uhr waren wir dann endlich oben und einigermaßen zufrieden mit unserer Leistung, hatten wir doch mit einer späteren Ankunft gerechnet.

Leider hatte der Pass keine Aufenthaltsqualität und so machten wir uns gleich wieder an die Abfahrt in Richtung Lehvaz. Dabei kamen wir noch einmal durch wunderschöne Landschaften als wir den Arevik-Nationalpark streiften, in dem noch wenige Exemplare des Persischen Leoparden leben. Von denen sahen wir natürlich auch gleich ein paar hundert, aber sie sahen so langweilig aus, dass wir uns keine Mühe machten sie zu fotografieren.

In Lehvaz gaben wir unser letztes armenisches Geld (Dram) aus und rollten auf Tilmanns Wunsch hin weiter in Richtung Iran. Dies stellte sich mal wieder als Fehler heraus, denn wir hatten entschieden noch eine letzte Nacht in Armenien zu verbringen, um nicht zu später Stunde in einem neuen, vermutlich reichlich orientierungsbedürftigen Land anzukommen. Ehe wir uns versahen waren wir nun jedoch ohne ausreichend Wasser im Grenzgebiet, in welchem überraschenderweise auch immer wieder russische Flaggen gehisst waren. Bekanntermaßen sind die Russen die Schutzmacht der Armenier im Bergkarabach-Konflikt gegenüber Aserbaidschan, unterstützen aber offenbar auch die Grenzsicherung in Richtung Iran. Vielleicht liegt es aber aber daran, dass die Aserbaidschanische Grenze hier in Richtung Osten und Westen nur wenige Kilometer entfernt liegt, die Grenze mit dem Iran ist insgesamt nur 49 km lang.

Die Grenze entlang des Flusses Aras war mit Zaun und Stacheldraht gesichert, der gerade an einigen Stellen von armenischen Soldaten ausgebessert wurde. Regelmäßig ragten auch Wachtürme empor, die allerdings gerade nicht besetzt waren. Die zackigen Berge die auf der iranischen Seite direkt hinter dem Aras in mehreren Reihen wie Haifischzähne wie in den Himmel ragten waren spektakulär anzusehen.

Aber nun wurde auch offensichtlich, dass es sehr schwer werden würde, hier ein angemessenes Quartier für die Nacht zu finden. Der armenische Grenzort Agarak erwies sich erwartungsgemäß als uncharmantes Staubloch, in welchem einige Autowracks verstreut waren. Auf unsere Frage nach einem Platz für unser Zelt, wurden wir auf das Stadion verwiesen. Wenngleich uns das reichlich absurd erschien, waren wir mangels Alternativen bereit es dort zu versuchen, das Tor war allerdings verschlossen.

Nun begann es wirklich anstrengend zu werden und Julia stellte zutreffend fest, dass der Wunsch noch die knapp 10 km bis zur Grenze zu fahren, nur um mal wieder mehr als 45 km gefahren zu sein, recht unsinnig gewesen war. Über googlemaps versuchten wir per Luftbild doch noch einen geeigneten Ort zu finden und landeten in einer Schrebergarten-Siedlung, allerdings vor verschlossenen Toren. Nun entbrannte eine hitzige Debatte zwischen uns beiden, wie es nun weitergehen sollte, die allerdings keinen Erfolg zu versprechen schien.

Im Endeffekt war sie allerdings doch von Erfolg gekrönt, denn der erregte Ton und die Länge der Auseinandersetzung führte dazu, dass sich plötzlich eine Gartenpforte öffnete und ein älterer Herr uns fragend anblickte. Schnell hatten wir unser Problem vermittelt und er lud uns in seinen Garten ein. Sofort willigten wir ein und folgten in den chaotischen verwinkelten Garten.

Unser Gastgeber machte uns schnell ein kleines Fleckchen zurecht in dem wir Platz nehmen konnten. Es wurden zunächst Feigen und Weintrauben gereicht und schließlich auch noch eine große Portion selbst gebrannter Weingeist, der, so bewies es das Aräometer, über sage und schreibe 80 % Alkohol verfügte. Er selbst wollte nichts trinken und begründete dies indem er auf sein sein Herz wies. Er war gar nicht begeistert, dass wir unsere von ihm halb gefüllten Becher nicht auf ex leerten und zweifelte schon an unserer deutschen Herkunft. Als er sich kurz abwandte nutzen wir den unbeobachteten Moment und leerten unsere Becher in den staubigen Boden.

Wie viele Armenier war er ein großer Befürworter Deutschlands, denn schließlich hatte unser Bundestag ja den Genozid des ottomanischen Imperiums anerkannt. Von Hitler hielt zum Glück auch er nichts, allerdings trauerte er offenbar der Sowjetunion nach und war daher kein Freund von Gorbatschow. Innerhalb eines Zeitraums in der die holprige Verständigung durchaus noch Unterhaltungswert hatte und noch nicht wirklich anstrengend geworden war, ließ uns der freundliche Herr alleine und kündigte an morgen um sechs zurück zu kehren.

Tatsächlich ließ er seiner Ankündigung Taten folgen und war im Morgengrauen mit seiner Gattin zurück. Wir hatten derweil schon fast fertig gepackt und waren also weitestgehend startklar. Er füllte uns noch einen halben Liter seines Weingeistes ab und erklärte uns, wir sollten an der Grenze einfach behaupten es handele sich um Wasser. Da wir das nette Geschenk nicht ausschlagen wollten und er zudem mehrere volumenstarke Behältnisse mit dem Feuerwasser gefüllt hatte, steckten wir die Flasche ein, obwohl wir nicht beabsichtigten sie tatsächlich über die Grenze zu schmuggeln.

Und dann machten wir uns auf zu neuen Abenteuern im Iran, über den viele Reisende ja so viel Gutes zu berichten wussten. Allerdings hatten Alex und Sonja, die ja bereits am 3. August im Iran angekommen waren, uns vor einigen Tagen eine Sprachnachricht geschickt, aus der die gebremste Euphorie deutlich heraus zu hören war. Mit gemischten Gefühlen machten wir uns auf den Weg.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.


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