hitzefrei 🇦🇲

Tag 136 bis 141 (16.08. bis 21.08.)
Distanz: 41,7 km
Höchster Punkt: 1.670 m
Tiefster Punkt: 980 m
Rauf: 410 m
Runter: 1.080 m

Aus den Lavaströmen der Hölle sprangen wir direkt in den Pool von Sandra. Die Niederländerin betreibt seit knapp 10 Jahren einen äußerst komfortablen Campingplatz in einem Dorf unterhalb des Geghardavank-Klosters. Nach drei Tagen im Halbnomaden-Land kam uns der Anblick reichlich absurd vor, als sich das Eisentor am Ende eines staubigen mit Autowracks gesäumten Dorfweg öffnete und dahinter ein von hauptsächlich deutschsprachigen Touristen umringter Pool zum Vorschein kam. Wir waren gleichzeitig etwas angewidert und ebenso angelockt. Unser Plan, den Platz erstmal nur anschauen zu wollen, scheiterte direkt. Sandra hatte uns sogleich in die Traveler Community aufgenommenen und wir bekamen bereits eine Führung durch die diversen vollausgestatteten Küchen und luxuriösen Sanitäreinrichtungen. Wir kapitulierten vor uns selbst. Zumindest eine Nacht wollten wir bleiben, um dann erfrischt weiter nach Yerevan zu radeln. Daraus wurden drei Nächte, zumal wir an unserem eigentlichen Ziel Yerevan ja ebenfalls ein wenig ausruhen wollten und dies genauso gut hier am Pool erledigen könnten. Da wir nun zum ersten mal auf unserer Reise wirklich großer Hitze ausgesetzt waren, war uns klar dass dieser Campingplatz zur Befriedigung dieses Bedürfnisses wesentlich besser geeignet war, als der Hexenkessel der armenischen Hauptstadt.

Im Endeffekt wurden schlicht unsere sparsamen (Tilmann) und genügsamen (Julia) Seelen bei so viel Komfort schwach. Wir lümmelten am Pool, tranken ein paar Bier mit der Berner Familie, die wir schon aus Georgien kannten (link, falls schon mal erwähnt) und planschten mit Tochter Amelie im Wasser. Die Küche (mit Backofen!) ließ Tilmann zu kulinarischen Hochtouren auffahren, wir konnten unsere Wäsche waschen und uns um unsere Korrespondenzen kümmern sowie darum, dem erfolglosen Versuch nachzugehen unseren Blog nahezu an die Echtzeit anzupassen.

Nach drei Tagen im Camping-Himmel und dem ausgiebigen Austausch mit anderen Reisenden, rissen wir uns dann doch noch los, bevor wir ganz in das Urlaubsfeeling eingelullt waren und fuhren Richtung Yerevan, nicht ohne die Hauptsehenswürdigkeiten auf dem Weg mitzunehmen. Das Geghardavank-Kloster hatten wir schon vor 3 Tagen besucht nachdem wir der Begham-Hölle entronnen waren. In der Hitze des Nachmittags waren wir vor allem schockiert von den Besuchermassen, die ansonsten sicherlich mögliche andächtige Stimmung in der in Fels gehauenen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, völlig unmöglich machte. Spektakulärer als das Kloster selbst, war abermals die umgebende Landschaft, nämlich ein eng eingeschnittenes Tal mit schroffen Felsen und kargem Bewuchs.

Nun brachen wir früh morgens auf und waren noch vor allen anderen am viel angepriesenen Garni Tempel. Vor allen anderen bedeutete in diesem Fall auch vor der offiziellen Öffnung. Anstatt uns einfach reinzulassen und beim Verlassen das Eintrittsgeld zu hinterlassen, bestand die Servicekraft am Kassenhäuschen jedoch darauf zunächst einmal die Kassenbestände durch einzelnes abzählen der Münzberge zu erfassen, was etliche Minuten in Anspruch nahm.

Viel spektakulärer als der Tempel, der vor allem aufgrund seiner Lage an einem Canyon beeindruckt, sind allerdings die Basalt-Felsen, die große Teile der Sole eben jenes Canyon bilden. Um eine Basaltsäule hätten wir diese nicht besucht, weil ihr Zugang nicht ausgeschildert und auch schwer zugänglich war. Froh, diese Felsen nun auch von nahem gesehen zu haben, wollten wir jetzt in die armenische Hauptstadt. Auf dem Weg dorthin konnten wir in der Ferne den Ararat durch eine dichte Dunstschicht sehen, der Fotolinse blieb dies aber verborgen.

Die Fahrt in die Innenstadt erwies sich im Vergleich zu anderen Millionenstädten als relativ entspannt, da die Straßen breit und die Autofahrer größtenteils nicht gehetzt wirkten. Die Suche nach unserem Hostel wurde jedoch in der zunehmenden Mittagshitze sehr nervtötend, da das Hostel bei Googlemaps ca. 300 m vom eigentlichen Standort entfernt lag. Der Rezeptionist, ein junger Mann, der das neue Haus zusammen mit seinen Eltern führte, war überaus freundlich und trotzdem auch etwas lästig, da er bei jeder winzigen Nachfrage unsererseits, uns an seinem Computer führen wollte, um zu beweisen, dass dies auf Booking genau so vermerkt sei, wie angeboten. Für alles fand sich natürlich auch ohne das Heranziehen der Booking-Seite ein guter Kompromiss, allerdings verfügte das Hostel über keine Klimaanlage, die wir eigentlich selten brauchen und nur im äußerten Notfall auch benutzen, doch dieser war nun eingetreten. Bei 36 Grad in der Stadt und dem Standort des Hostels neben einer riesigen Baustelle und ansonsten nur umgeben von Beton, wurde es in unserem sehr hübschen Zimmer unerträglich.
Da man sich bei diesen Temperaturen auch nicht gerne draußen aufhält, bewegten wir uns nun von Bazar zu Mall und versuchten noch das ein oder andere nicht Notwendige, aber Praktische für die Weiterreise zu ergattern. Das gegenüberliegende Viertel zu unserem Hotel war ein riesiger Basar, der allerdings geschlossen war, da sich wenige Tage zuvor eine schwere Explosion ereignet hatte über die auch in deutschen Medien berichtet wurde. Wären wir nicht auf Anraten des Franzosen durch das Gegham-Gebirge gefahren, wären wir vermutlich am Tag der Explosion in Yerevan angekommen. Vielleicht hat uns diese Höllenfahrt also vor wirklich Schlimmen bewahrt. Als wir bei unserer Shopping-Tour zufällig durch den beeindruckenden alten Bahnhof von Yerevan kamen, sang uns der Direktor des Museums – mehr schien eigentlich der ganze Bahnhof nicht zu sein – spontan ein kleines Ständchen vor.

Unser Einkaufs-Erfolg war dagegen bescheiden. Wie in den zuvor bereisten Ländern verhielt es sich auch hier: Eigentlich ist alles teurer als in Deutschland, sogar der Billigschrott. Wir entschieden uns gegen den Konsumzwang und reisen nun weiter ohne perfekte Gepäckträgertasche für Julia, ohne Yogamatte/bessere Picknickdecke und mit Turnschuhen ohne Profil, bei denen sich die Nähte lösen. Auch Micropur oder ein Wasserfilter waren in der Stadt nicht aufzutreiben. Unsere Annahme bei der Planung unserer Reise, wir könnten immer noch Ersatzteile oder Outdoor-Equipment besorgen, sobald wir es bräuchten, erwies sich einmal wieder als falsch. Immerhin konnten wir in Armeniens (vermutlich) einzigem Outdoor-Laden eine Dose Imprägnierspray für unser Zelt auftreiben. Auch weil die Hitze unerträglich war, brachen wir das Unterfangen „Dinge besorgen“ nach einem halben Tag ab. Wichtiger erschien uns ohnehin ein Besuch im Genozid-Museum, das unserer Meinung nach sehr gelungen ist, wenngleich die sehr textlastige Ausstellung einem natürlich lediglich einen sehr kleinen Eindruck des Ausmaß des Grauens vermitteln kann.
Am besten ließ es sich nachts in der Stadt aushalten. Am ersten Abend wurden wir auch sogleich von zwei netten Yerevanern mit in bei jungen Leuten beliebte Pubs geschleppt. Wir kamen uns nur etwas zu alt vor, was wir auch daran merkten, dass unsere neue Bekanntschaft “the real Silm Shady” als “Song from my childhood” bezeichnete. Die Musik der 90er und frühen 2000er sind auch in Armenien zur Mainstream-Partymusik auserkoren worden, was uns dazu veranlasste nicht allzu lange in der Kneipe zu bleiben. Eigentlich hatten wir uns für die zweite Nacht einen Besuch in einem angesagten Techno-Club vorgenommen, doch die Berliner Eintrittspreise und die ermüdende Hitze des Tages ließen uns auch hier kapitulieren. Wir verbrachten den Abend dann auf der Yerevan-Kaskade und genossen die Aussicht auf die nächtliche Stadt.
Stolz können wir noch verkünden, dass wir bei der zweiten 1. Critical Mass von Yerevan dabei waren! Dabei kamen Heimatgefühle auf, denn die familiäre Größe erinnerte uns an die guten alten Wiesbadener Zeiten. Zum Schaden von Yerevan zogen wir am nächsten Tag weiter und können die critical mass nicht dabei unterstützen zu wachsen. Unseren Support als erfahrene Promoter, Korker, Vorfahrer und natürlich Bass-Bike-DJs hätte die Gruppe dringend nötig gehabt, zumal bei ihrer 2. Gründung (einen ersten Versuch hatte es bereits 2006 gegeben) waren etwa die Hälfte der Teilnehmer:innen ausländische Tourist*innen. Unter ihnen war auch ein Paar aus Berlin, dass bereits zum zweiten Mal im Leben für eine große Radreise ihr altes Leben (also Beruf und Wohnung) vollständig aufgegeben hatten.

Entgegen dem Ruf der Stadt als Moloch ohne Sehenswertes und Schönes hat uns die armenische Landeshauptstadt eigentlich recht gut gefallen und lediglich die Hitze machten den Aufenthalt unterm Strich dann doch etwas anstrengend. Dass Yerevan eine der ältesten Städte der Welt ist, sieht man ihr allerdings an keiner Stelle an, denn sie wurde im letzten Jahrhundert im großzügigen sowjetischen Stil von Grund auf neu errichtet. Nach drei Nächten brachen wir dann endlich gen Süden auf, um nun unser zweites Etappenziel, den Iran ernsthaft in Angriff zu nehmen.

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.


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