die durch die hölle gehen 🇦🇲

Tag 134 bis 136
Distanz: 96,2 km
Höchster Punkt: 3.150 m (3.597 m)
Tiefster Punkt: 1.920 m
Rauf: 1.920 m
Runter: 2.170 m

Erneut müssen wir einen Beitrag mit einer Kommentar zum von uns selbst gewählten Titel beginnen. Dieser Titel mag dem bzw. der einen oder anderen etwas reißerisch erscheinen.

Eine bzw. ein anderer mag vielleicht meinen, dass dieser Titel eigentlich der Titel unseres Blogs sein müsste und besser passe als appi dappi (vollgas). Nun, es gab auf unserer Reise schon den ein oder anderen anspruchsvollen Tag der uns viel abverlangt hat. Aber die Erlebnisse vom 14. bis 16. August stellen in dieser Hinsicht das bis dahin erlebte buchstäblich in den Schatten. Nein, nicht buchstäblich sondern im übertragenen Sinne, denn die Hauptprotagonisten dieser drei Höllentage waren Vulkane, Feuerwasser und brennende Sonne.

Auf Empfehlung einer reisenden Familie aus Frankreich, die wir am Sevan See getroffen hatten, entschieden wir uns nach einigen Abwägungen nicht die einfache Route über den Highway nach Eriwan zu nehmen, sondern einen Offroad-Trip durch das Begham-Gebirge zu wagen. Dabei sollten wir mit den Rädern auf über 3.000 m emporklimmen und schließlich zu Fuß noch den Gipfel des Azhdahak (3.597 m) erreichen. Das Ganze sollte sich in einer spektakulären Vulkan-Landschaft abspielen. Wir bekamen eine GPS-Route zur Verfügung gestellt und wurden ermahnt uns peinlichst an diese zu halten, da es in der Gegend aufgrund der landwirtschaftlichen Nutzung durch sogenannte Nomaden von Wegen nur so wimmelte.

Das Adjektiv „sogenannt“ ist hier wirklich angebracht, da alle Reisenden die wir trafen, die Menschen, die das Begham-Gebirge in den Sommermonaten bewohnen als Nomaden bezeichnen. Allerdings verfügen diese in den Bergen für drei bis vier Monate über ein festes Lager und sind den Rest des Jahres in den Dörfern an den Flanken der Berge sesshaft. Recherchiert man ein wenig zur Bedeutung des Begriffs „Nomaden“, könnte man diese Menschen, von denen wir in den drei Tagen überraschend (denn uns wurde zudem absolute Einsamkeit in Aussicht gestellt) viele trafen vielleicht als Halbnomaden bezeichnen.

In Sevan rüsteten wir uns für das anstehende Abenteuer indem wir uns zunächst mit jeder Menge Nahrung eindeckten, die über ein gutes Energie / Masse Verhältnis verfügt (vorwiegend Kekse und Nüsse). Ein Besuch in drei Apotheken brachte uns die Erkenntnis, dass hier kein Micropur zu beschaffen war und darüber hinaus auch die Existenz eines solchen Produktes durch die Apothekerinnen in Frage gestellt wurde. Dann fuhren wir bis zum Dorf Chkalovka am See zurück wo wir am Brunnen noch die Wasservorräte auffüllten. Dies war durchaus eine Herausforderung, da wir einerseits wussten, dass wir uns ohne Flter und Micropur nicht selbständig mit Wasser hätten versorgen können, dieses aber durchaus von den hilfsbereiten temporären Bergbewohnern bekommen könnten. Darauf wollten wir uns nun jedoch auch nicht ausschließlich verlassen, denn einerseits wussten wir zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wie viele Camps wir dort oben tatsächlich vorfinden würden und andererseits waren es ja wir, die wir uns ohne Not in eine vielleicht nicht lebensfeindliche aber doch unwirtliche Umgebung aufmachten. Wer waren wir also die erwarten konnten, dass sich andere wegen unserem Wohlergehen abmühten Trinkwasser die Hänge herauf zu wuchten?

Schließlich entschieden wir uns jeweils die 2,5 Liter in unseren Rahmen aufzufüllen und den Wassersack mit 5 Litern zur Hälfte zu befüllen. Diese Menge würde uns freilich nicht reichen, erschien uns aber in Anbetracht der zu bewältigenden Höhenmeter als vertretbarer Kompromiss.

Am Ende des Ortes endete sogleich die geteerte Straße und das Offroad-Abenteuer begann. Auch wenn die Sonne vom wolkenfreien Himmel uns schon ordentlich einheizte und sich im Gegensatz zu den vergangenen Tagen auch der Wind nahezu gänzlich gelegt hatte, waren wir noch guter Dinge als wir uns durch endlose Wiesen vorbei an unzähligen mit der Heuernte beschäftigten Arbeitertrupps Meter um Meter von der Zivilisation entfernten. Schnell merkten wir dabei, dass es durchaus wichtig war, uns penibel an die vorgegebene Route zu halten, denn die Zahl der Wege war tatsächlich unermesslich und ineinander veschlungen und jene die wir einzuschlagen hatten, waren teilweise kaum als solche auszumachen. Gleichzeitig begannen wir allerdings auch früh festzustellen, dass das digitale Abbild der Route die Realität nicht 100 % abzubilden vermochte; einige Wege waren definitiv nicht vorhanden, weshalb wir mehrfach im hohen Gras oder auf einem abgemähten Feld standen.

Aufgrund der schlechten Qualität des Weges (wobei es sich auf dem ge- oder abgeschnittenen Gras zumindest nicht unbequem fahren ließ), der zunehmenden Hitze und des unablässigen Anstiegs, kamen wir nur sehr langsam vorwärts, sodass das Gefühl mit der Entscheidung diesen Weg nach Eriwan zu wählen alles richtig gemacht zu haben so langsam zu schmelzen begann. Einen ersten ernsteren Dämpfer bekam das Gefühl, als Tilmann bei einer kurzen Abfahrt auf losem Untergrund die Kontrolle über sein Rad verlor und stürzte. Dabei fiel er so unglücklich, dass sein Bein irgendwo zwischen Rahmen und nach hinten gedrehtem Vorderrad eingeklemmt war. Irgendein Bauteil des Rades drückte gegen sein Knie und er konnte sich zunächst nicht befreien. Als sich dann noch der Eindruck einstellte, dass das Fahrrad mit ihm noch weiter bergab rutschen könnte kam bei der Befürchtung dies könne dazu führen, dass sein Knie weiter eingeklemmt oder verbogen werden könnte, Panik auf und er begann um Hilfe zu rufen. Dies war in zweierlei Hinsicht unsinnig, denn zum einen riskierte er nun, dass die zu Hilfe eilende Julia aufgrund eben jener Eile ebenfalls stürzte und zum anderen stellte er bei ihrem Eintreffen fest, dass er sich eben doch selbst befreien konnte und keine größeren Verletzungen, nicht einmal Schrammen davon getragen hatte. Erst als Julia das Fahrrad anhob, um es ein paar Meter weiter in den ebenen Bereich zu schieben, bemerkten wir, dass der Lenker verbogen war und befürchteten im ersten Moment und noch unter dem Schrecken des Sturzes das Schlimmste.

Die beiden Armenier, die nun angehalten hatten, um uns zu helfen wollten den Lenker auch sogleich mit purer Gewalt zurück in Position biegen. Tilmann intervenierte jedoch energisch und kam nach einem Moment des Grübelns zu dem Schluss, dass lediglich der Ahead-Vorbau verrutscht sein müsste. So war es auch, als die Klemmschrauben gelöst waren, ließ sich der Lenker ohne Probleme wieder richtig positionieren und so baten wir die beiden zu Hilfe geeilten lediglich um eine Portion Wasser. Auf die Frage, wohin wir denn führen und wir diese wahrheitsgemäß mit „Yerevan“ beantworten, wurden wir mit dem Prädikat „Idiota“ versehen, dass in jeder Sprache verständlich ist.

Noch immer etwas mitgenommen vom Sturz begann Tilmann nun in einer Art Übersprungshandlung die Andeutung eines Loches in seiner Ortliebtasche, welche in Folge des Sturzes entstanden war, zu flicken. Dazu kam mal wieder ein Stück von Julias verrotteten Vaude Taschen zum Einsatz, die nächste Zwangsheirat derer wir uns zwischen diesen beiden Outdoor-Geschlechtern schuldig machten.

Und weiter ging es in der sengenden Hitze nun mit deutlich gebremster Euphorie. Als die Sonne ihren Zenit schon überschritten hatte und wir zwischendurch unsere Räder durch das mannshohe Gras hatten schieben müssen, da der digital angezeigte Weg nun wahrlich der Phantasie der EDV-Kartographen entsprungen war, wurden wir von einer Bande Heuerntern in ihre Käsehöhle gewunken. „Na ja, schaden kann es ja nicht“ nickten wir uns wortlos zu und folgten der Einladung. Schaden konnte es allerdings, wie wir wenig später am eigenen Leib erfahren sollten. Zunächst war alles nett, wir saßen gemeinsam auf den speckigen Betten der fünfköpfigen Sippe von derer drei mit allen Wassern gewaschene Raubeine jenseits der 50 waren und zwei noch recht unverdorben dreinblickende Nachwuchskräfte. Die Verständigung verlief wie gewohnt mit Händen und Füßen, wobei nicht viel inhaltliches transportiert werden konnte. Hier zählte aber Stimmung und die war gut, denn wir bekamen Wassermelone und Kaffee gereicht. Und Vodka.

Natürlich war es mit dem einen kleinen Gläschen nicht getan und es wurden schnell drei, vier und danach verloren wir die Übersicht. Uns wurde irgendwann nur noch gewahr, dass unserer Bitte um Wasser nicht nachkommen wurde. Stattdessen wurden wir aufgefordert nun an Ort und Stelle mit dem Kinder zeugen zu beginnen, denn, soviel hatten unsere Gastgeber verstanden, die gab es in unserem Leben noch nicht. Wir machten klar, dass dieser Ort für das Zeugen von Kindern vielleicht doch ein wenig unromantisch war (tatsächlich waren Betten und Hütten in einem Zustand, dass man für dieses Vorhaben vermutlich jedes Bahnhofsklo vorgezogen hätte) und wir davon abgesehen sowieso noch nicht so weit waren, in dem wir laut lachten und uns auf die Schenkel schlugen. Da dieses Verhalten auf Erwiderung stieß, waren wir sicher, dass unsere Botschaft angekommen war. Als wir uns dem Sauhaufen schließlich entreißen wollten, wurde Tilmann dann aber doch mit Nachdruck, d.h. mit einer schraubstockartig um seinen Unterarm geschlossenen Bärenpranke, versucht zum Bleiben zu überreden. Aufgrund zunehmender Trunkenheit unter allen Teilnehmern des Gelages, was sich durch Küsschen unter den Kumpanen und körperliche Annäherung uns gegenüber verdeutlichte, schafften wir es dann aber doch zu entweichen und waren zurück auf dem Weg nach oben.

Doch die letzte halbe Stunde hatte Spuren hinterlassen und nun tat die Sonne ihr übriges, sodass wir bei der nächsten Passage bei der wir hätten schieben müssen, dringend eine Rast einlegen mussten. Da es im Umkreis von zig Kilometern kein Schatten spendendes Objekt gab, spannten wir die Greenscreen zwischen die beiden Räder und kauerten uns gemeinsam in den handtuchgroßen Schatten, den diese darunter ins Gras warf.

Nach einem kurzen und wenig erholsamen Nickerchen, sortierten wir erst einmal unsere Situation. Wir hatten erst wenige Kilometer hinter uns gebracht, da das Vorankommen deutlich beschwerlicher war als erhofft. Ein Blick auf das Höhenprofil der geplanten Route verriet zudem, dass wir es bisher nur mit moderater Steigung zu tun gehabt hatten, die wirklich steilen Passagen jedoch noch auf uns warteten. Im Anbetracht der Lage in der wir uns bereits befanden und im Anbetracht dessen was uns noch bevor stand, dachten ernsthaft daran umgehend den Rückweg zurück nach Sevan einzulegen. Eine Abkürzung auf die Hauptstraße nach Jerevan gab es nicht, denn dort war eine Bergkette im Weg. Doch natürlich kam Aufgeben für uns nicht in Frage und so brachen wir unter Aufbietung aller Kräfte wieder auf. Wir wollten bis zum Abend noch den Aknalich-See erreichen, der noch ca. 15 km und 800 Höhenmeter entfernt war. Er lag aber bereits hinter dem ersten „Gipfel“ auf rund 3.000 Meter Höhe, sodass wir dann am zweiten Tag nur noch einen kleine Zwischenanstieg auf dem Weg zum Azhdahak hätten nehmen müssen.

Dieses Vorhaben scheiterte jedoch auf ganzer Linie. Nahezu am Ende unserer Kräfte schlugen wir nach nur 5 km (insgesamt 46,7 km) und 300 Höhenmetern gegen 18 Uhr unser Nachtlager neben einer Herde grasender Rinder auf. Inzwischen waren wir so hoch, dass sich die Weiden nicht mehr zum Heu machen eigneten und nur noch zur Beweidung genutzt wurden. Entsprechend waren wir aus dem Gebiet der Heuernter in das Gebiet der Halbnomaden vorgedrungen.

Wir hatten uns noch zu diesem Lagerplatz geschleppt, da auf der Karte hier ein Bach eingezeichnet war. Dessen Lauf konnten wir noch deutlich erkennen, aber wenig verwunderlich war er ausgetrocknet. Tilmann wollte schließlich in der einbrechenden Dämmerung zu einem nicht allzu weit entfernten Halbnomaden Lager aufbrechen, um nach Wasser zu fragen. Die dort hausende Hundemeute jedoch ließ mit ihrem aggressivem Gebell keinen Zweifel daran, was sie von Eindringlingen hielt und da wir mit den Hunden in dieser Gegend noch keine Erfahrung hatten, trat Tilmann unverrichteter Dinge den Rückzug an. Etwas später ritten noch zwei Viehtreiber in der Nähe unseres Lagers vorbei, doch ihr wilder Galopp verhinderte, dass wir sie um Wasser ersuchen konnten. Noch hatten wir Wasser, aber wir wussten ja nicht, wie sich die Situation am nächsten Tag entwickeln würde.

Tag zwei im Begham-Gebirge begann früh, denn unser Plan war nun es vor der Mittagshitze bis zum Aknalich-See zu schaffen. Als wir um halb fünf jedoch noch finstere Nacht vor unserem Zelt ausmachten, drehten wir uns noch einmal bis viertel nach fünf in unseren Schlafsäcken um. So begann der Tag leider nicht früh genug, denn sobald die Sonne über die Bergkämme geklettert war, wünschten wir uns wir wären bereits um drei aufgebrochen. Denn als uns die ersten Sonnenstrahlen erreichten, hatten wir unsere Räder bereits mehrfach einige besonders steinige und steile Passagen heraufgeschoben und waren hingegen kaum einen Meter gefahren. Wohlgemerkt mussten wir mehrfach zu zweit jeweils ein Fahrrad schieben, dann wieder bergab laufen, um das zweite zu holen, denn die Kombination aus Steigung und gerölligem Untergrund führte dazu, dass unsere Kräfte bald nicht mehr ausreichten. Mehrfach hatten wir zudem jenen Franzosen verflucht, der uns den Tipp gegeben hatte diese Route mit unseren Reiserädern zu fahren. Bereits jetzt war klar, dass es sich allenfalls um eine anspruchsvolle MTB-Route ohne viel Gepäck handelte. Die Idee dies mit unseren Rädern und unserem Gepäck durchzuziehen war vollkommen absurd. Immerhin hatten wir uns beim nächsten Nomaden-Camp mit frischem Wasser eindecken können.

So schleppten wir uns mehr schiebend als fahrend und mehr fluchend als atmend Zentimeter um Zentimeter den Berg hinauf. Nach etwa 6 km flachte das Gelände etwas ab und wir konnten wieder ein wenig fahren. Plötzlich tauchte ein riesiger abgespannter Sendemast vor uns auf, der den ersten „Gipfel“ in etwa 3110 m Höhe markierte und der an diesem Ort reichlich deplatziert wirkte. Ansonsten fing die Landschaft nun langsam an wirklich interessant zu werden, denn links und rechts des Weges ragten nun die ersten Vulkane empor, die in ihrer regelmäßig geformten Gestalt wie menschlich erschaffen wirkten. Inzwischen staunten wir über die hohe Zahl an ansässigen Halbnomaden, hatte der Franzose, der uns ins Verderben geschickte doch in Aussicht gestellt, dass wir dort oben niemanden antreffen würden. Auch wenn unsere Verwünschungen ihm gegenüber nicht abebbten, wollen wir ihm nun doch nicht unterstellen, dass er die lokale Bevölkerung unter „niemanden“ subsumiert hatte, sondern lediglich ein wenig übertrieben hatte. Zum Aknalich-See ging es dann wieder ein Stück bergab und dort angekommen stellten wir fest, dass sich sein Wasser nicht wirklich zum Abkochen geeignet hätte. Nicht nur siedelten in seiner Peripherie einige Familien, auch wurde das Wasser selbstverständlich zur Viehtränkung verwendet, sodass das Ufer sehr schlammig war. Selbst Micropur oder ein Wasserfilter hätten ihre liebe Mühe gehabt. Trotz relativ frühem Aufbruch hatten wir nun bis zur Mittagszeit lediglich 10 km geschafft und waren selbst geschafft. Unter Einsatz der Greenscreen und der Räder errichteten wir eine Mischung aus Wind- und Sonnenschutz am Ufer des Sees und versuchten mehr schlecht als recht uns ein wenig zu erholen.

Als wir wieder aufbrachen entdeckten wir am andern Ende des Sees ein paar Zelte und Geländewagen; offensichtlich keine Halbnomaden sondern ebenfalls Touristen. Wir entschieden dort noch einmal nach Wasser zu fragen, erkannten beim näher kommen allerdings, dass es sich um Armenier handelte und befürchteten schon, dass hier schnell wieder Vodka anstatt Voda gereicht werden würde. Da uns allerdings schon zugewunken wurde erschien uns ein Rückzieher nicht ehrenhaft und so gesellten wir uns kurzerhand zu der Herrenrunde. Unsere Frage nach Voda wurde bejaht, aber zunächst einmal bekamen wir sehr reichlich Kartoffeln, Käse, Gurken, Tomaten und Wassermelone gereicht. Eigentlich waren wir nicht hungrig, denn natürlich hatten wir bei der erst wenige Minuten zurückliegenden Rast bereits zu Mittag gegessen, aber ein mit Händen und Füßen vorgetragenes „vielen Dank das reicht“ wurde mit Lachen quittiert und nicht akzeptiert.

Und wenig überraschend kreiste gleichzeitig schon wieder die Vodka-Flasche. Um das Gesicht zu wahren, ließen wir uns auf odin malen’ky (einen kleinen) ein, was wiederum mit einem Lachen quittiert und nicht akzeptiert wurde. Wie ihr euch nun sicher denken könnt, blieb es weder bei einem noch kleinen und so waren wir im Nullkommanichts schon wieder betrunken und jetzt zudem auch vollgestopft. Irgendwann konnten wir uns losreißen, bekamen diesmal sogar tatsächlich auch Wasser, allerdings zusätzlich eine Tüte mit zwei 1,5 Liter Flaschen warmer Kirschlimonade, etlichen Lappen Lavash, Tomaten, Gurken, Zitrone und ein großes Stück Käse als Care-Paket mit auf den Weg. Somit hatte die Tüte natürlich ein erhebliches Gewicht, aber ein Ablehnen kam selbstverständlich nicht in Frage.

Zum Glück befanden wir uns inzwischen auf einem Hochplateau, sodass wir weiterhin fahren konnten, auch wenn wir nun Schlangenlinien fuhren. Als wir so gerade eben halbwegs außer Sichtweite waren, führten wir eine schnelle Inventur durch, probierten die Limonade, die erwartungsgemäß scheußlich schmeckte, entledigten uns ihrer wie Dr. Angelika Hasenbein dem zweiten Stück Quietsch-Käse im Käseladen und waren immerhin wieder um 3 Kilo erleichtert.

Bald jedoch stand der nächste zu schiebende Zwischenanstieg bevor und wir fühlten uns außer Stande diesen in unserem Zustand zu bewältigen. Uns blieb also nichts übrig, als ein weiteres mal ein Notbiwak aus Fahrrad und Greenscreen zu errichten, uns darunter jämmerlich in das kleine Viereck Schatten zu quetschen und versuchten uns auf diese Weise von dem lästigen Rausch und Völlegefühl zu entledigen.

Nach einer knappen Stunde waren wir einigermaßen wieder hergestellt und machten uns an den Zwischenanstieg, der uns auf den bisher höchsten Punkt unserer Reise, nämlich 3.150 m, führte. Die Hänge der uns umgebenden Vulkane waren in die verschiedensten Farben getaucht, dazwischen gestreut waren Haufen schwarzen Basaltgesteins. Wir gaben uns redlich Mühe dies auch zu genießen und da es nun zumindest eine Weile keine größeren Steigungen mehr gab, gelang uns dies einigermaßen.

An einem kleinen See wurden wir von einer Halbnomadenfamilie herbeigewunken und nahmen die Einladung interessehalber an. Nachdem wir die Viehgatter hinter uns gelassen hatten, wurden wir in das geräumige Zelt geführt wo sogleich Kaffee und Wassermelone gereicht wurde. Auch wurde aus Wasser kein Wässerchen und so blieben wir glücklicherweise nüchtern. Das spendierte Wasser hatte geschmacklich allerdings, wie wir später feststellen sollten, deutliche Nuancen des Geruchs im Zelt: Eine Mischung aus Paarhufer, Fett und Holzbrand. Der Herr des Zeltes sprach ein paar Brocken Englisch und so erfuhren wir, dass sich die Familie drei bis vier Monate im Jahr in den Bergen aufhielt, 20 Kühe und 400 Schafe besaß und dass er Real Madrid Fan war.

Nachdem wir uns artig bedankt hatten und weitergezogen waren, fuhren und schoben wir unsere Räder weiter über die Hochebene bis wir gegen sechs Uhr den Abzweig zum Wanderweg rauf auf den Azhdahak erreichten. Dort schlugen wir unser Zelt so auf, dass wir von der nächsten uns ersichtlichen Zelt-Stadt genau nicht mehr gesehen werden konnten und Tilmann schlüpfte, so wie alles gerichtet war, todmüde in seinen Schlafsack, während Julia noch letzte Handgriffe an ihren Packtaschen vornahm. Obwohl wir quasi den ganzen Tag unterwegs gewesen waren, hatten wir nur gut 23 km hinter uns gebracht. Wir scherzten noch darüber, dass wir es noch bis zum Nachmittag des Vortages für möglich gehalten hatten, dass wir am frühen Nachmittag des zweiten Tages den Azhdahak erklimmen und bis zum Abend in Jerewan hätten sein können, denn nach dem sechst höchsten Berg in Armenien ging es schließlich nur noch bergab. Noch ahnten wir aber nicht, wie weit wir davon tatsächlich entfernt waren.

Kurz bevor wir zur Nachtruhe übergehen wollten, bekamen wir noch einmal Besuch von einem Hirten mit seiner Tochter, der allerdings aus einem Lager hinter einer Anhöhe in Richtung Azhdahak kam, dass wir noch gar nicht entdeckten hatten. Wir stellten in Aussicht auf sein Angebot nach Tee oder Kaffee zurückzukommen, wenn wir am nächsten Morgen vom Gipfel zurück kämen.

Die Nacht lag noch über dem unschuldig daliegenden Land, als wir uns am dritten Tag im Gebirge zu Fuß auf den Weg zur Spitze des Azhdahak machten. Zunächst kamen wir an dem am Vortag unentdeckten Lager vorbei, was die dort zur Wache abgestellten Hunde sogleich zur Weißglut brachte. Allerdings hatten wir inzwischen gelernt, dass auch diese Anscheinsbestien in Wirklichkeit zahme Lämmer waren, schon so zu tun als ob man einen Stein aufhebe, der als ein Wurfgeschoss in Frage hätte kommen können, ließ sie in aller Regel Reißaus nehmen.

So führten wir unseren Weg unbeirrt weiter und erreichten bald die ersten Basalt-Felder. Obwohl der Weg nicht immer einfach zu finden war und wir ihn mehrfach verloren, kamen wir recht einfach voran da es sich um einfaches Terrain handelte. Dabei betrachteten wir fasziniert die unter uns liegende Landschaft, die Stück für Stück von den ersten Sonnenstrahlen erobert wurde. Wir liefen glücklicherweise gen Osten und damit im Schatten des Azhdahak. Mit Überraschung stellten wir fest, wie hoch sich Reifenspuren an den Berghängen finden ließen. Bei der Vorstellung wir müssten auf diesem Untergrund und bei dieser Steigung ein motorisiertes Fahrzeug steuern wurde uns ganz mulmig.

Erst die letzten etwa 250 Höhenmeter wurde der Anstieg zum Gipfel etwas steiler, ließ sich aber selbst mit unseren abgewetzten Turnschuhen noch immer recht komfortabel laufen. Und dann waren wir endlich oben und blickten in die Caldera des erloschenen Vulkans, in der sich inzwischen ein See gebildet hat. Der Anblick war schon hier traumhaft schön, aber noch waren wir nicht ganz oben und kletterten noch schnell die letzten 50 Meter zum Gipfelkreuz hinauf, womit Tilmann auf dem höchsten Gipfel (3.597 m) stand den er jemals erreicht hatte. Nun standen auch wir im gleißenden Licht der inzwischen schon ein gutes Stück in den Himmel aufgestiegenen Sonne. Gen Osten war der Anblick schon wunderschön aber als wir unseren Blick nun gen Westen richteten, bot sich uns ein noch spektakulärer Anblick. Geisterhaft schien über der Dunstglocke der vor ihm liegenden Ebene der majestätische Ararat (5.137 m) zu schweben.

Wir kosteten den Moment eine Weile aus und machten uns dann wieder an den Abstieg, denn wir wollten nun schnellst möglich das Begham-Gebirge hinter uns lassen. Nach ca. drei Stunden waren wir zurück am Zelt und hatten die ausstehende Einladung zu Kaffee oder Tee vom Vorabend nicht eingelöst. Schnell packten wir zusammen und schwangen uns wieder auf die Räder, um noch möglichst lange bevor die Sonne den Zenit erreichte im hoffentlich schattigen Tal zu sein. Unsere Freude auf eine nun bevorstehende endlose Abfahrt wechselte jedoch sehr schnell in reine Frustration. Nicht nur standen uns zunächst noch mehrere auf der Karte nicht ersichtliche Zwischenanstiege bevor, auch wurde die Qualität der Wege immer schlechter und schlechter. Dort wo an den beiden vorangegangen Tagen die Pfade noch oft schlicht aus platt gefahrenen Streifen in der Weide bestanden hatten, waren sie nun zunehmend mit groben Basaltbrocken befüllt, die sich auch bergab mit dem Fahrrad einfach nicht befahren ließen. Wieder mussten wir regelmäßig absteigen und schieben. Als wir die Hochebene endlich verlassen hatten, bestand der Weg schließlich nur noch aus Staub und groben Brocken, sodass wir keinen einzigen Zentimeter mehr fahren wollten. Ja, wollten! Denn den ein oder anderen Abschnitt (von jeweils wenigen hundert Metern) hätte man zwar irgendwie noch fahren können, aber inzwischen wollten wir lieber ernsthafte Schäden an unseren Rädern auf den letzten Metern vermeiden.

Als wäre es noch nicht genug, dass wir nun noch nicht einmal die Abfahrt genießen konnten, wurde es nun Schritt um Schritt heißer, denn nicht nur schritt die Stunde voran, auch rückte das Tal gemächlich tiefer und tiefer. Man kann es nicht anders sagen, der Abstieg war die reinste Tortur, wir schleppten uns nur noch vorwärts und ließen die Räder gelegentlich einfach kurz rollen, damit sie uns hinter sich herzögen. Als wir am Mittag im Ort Geghard ankamen, zurück in der Zivilisation waren und endlich wieder Asphalt unter den Füßen hatten, hatten wir die Räder die 1.460 Höhenmeter tatsächlich zu einem großen Teil herabgeschoben. Wobei schieben natürlich gar nicht der richtige Ausdruck ist, da unsere Bemühungen durch ziehen, bremsen und lenken dem Verhindern eines unkontrollierten Abgangs der Räder galten.

Mit Kräften und Nerven ein weiteres Mal am Ende, mussten wir uns erst einmal eine kalte Cola gönnen und uns auf einer Gasleitung unter einem Walnussbaum erst einmal sortieren. Der nette Ladenbesitzer sah uns unsere Erschöpfung wohl an und versorgte uns daher schnell noch mit ein paar Stücken Wassermelone. Wir atmeten tief durch und waren erleichtert die Hölle des Begham-Gebirge hinter uns gelassen zu haben. So sehenswert die Landschaft und auch das Leben der Halbnomaden am Berg gewesen war, war uns klar, dass wir niemals im Leben Radreisenden diese Tour empfehlen würden. Nach einer halben Stunde hatten wir dann wieder einigermaßen Kräfte gesammelt und neue Pläne gefasst. Wir schwangen uns also auf den kochenden Asphalt um unser neues Ziel ins Visier zu nehmen. Ob wir es an diesem Tag noch nach Yerewan geschafft haben oder sich neue Hindernisse vor uns auftürmten erfahrt ihr im nächsten Beitrag mit dem Titel: Hitze****!

Hier könnt ihr unsere bisher zurück gelegte Route und (meistens) unseren aktuellen Standort sehen.


9 Gedanken zu “die durch die hölle gehen 🇦🇲

  1. Liebe Julia, du hast meine absolute Hochachtung. Deine sportliche Leistung dürfte olympisches Ausmaß haben.
    Lieber Tilmann, pass auf dich auf..
    Und Übrigens: Armenien soll die beste Schokolade der Welt haben, so Gisbert Mimler damals. Solltet ihr mal probieren um eure Kräfte wieder aufzubauen.
    Ansonsten bin ich sprachlos…

  2. Kann das nicht ganz genau erkennen, aber der Mast auf dem Bild scheint ein in Hauptfunktion ein Windmessmast zu sein. Die Instrumente (Anemometer) sind auf den Armen in verschiedenen Höhen.
    Coole Landschaften.

  3. Sagenhafte Landschaftsbilder, spannende Erzählung, aber nicht immer lustig. Können 🥰erst darüber lachen, wenn ihr wieder zu Hause seid. Mapa

  4. Frei nach A. Terboven (2005):
    Die durch die Hölle gehn. Ihr wollt die Hölle sehn?
    Das ist appidappi so hoch hinaus wie die Swiss Alpina.
    Die durch die Hölle gehn. Wenn ihr die Köpfe dreht,
    seht ihr appidappi. Die Verwüstung zeigt euch, dass sie hier waren.
    Vollgas!

    … krasse Erlebnisse. Mit der Vita seid ihr prädestiniert nach Eurer Reise Spielautomaten von Armenien nach Östereich zu exportieren (frei nach U.Seidl 2007).

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