die fahrradbande und die hundsgemeinen fahrraddiebe 🇬🇪

Da saßen wir nun am 4. Juli im Hof eines mittelmäßigen Hotels in Poti, teilweise auf Liegestühlen, teilweise auf selbstmitgebrachten Camping-Stühlen und nicht einmal jeder hatte eine Sitzgelegenheiten abbekommen. Eigentlich wollte keiner von uns sechs hier sein und unsere Gespräche, die zwischen Desillusion und Aufmunterung schwankten, wurden von Baulärm überlagert. Der erste Schock war überwunden und wir suchten nach der Antwort auf die Frage: “Wie soll es weiter gehen?”
Zwei Tage zuvor schwebten wir noch über den Wolken. Die in den letzten Tagen graue Türkei hatte uns ausgespuckt und wir waren im Paradies gelandet. Kaum hatten wir die Grenze überschritten, kam die Sonne raus und glitzert auf den grünen Blättern des Dschungels, der an der Schwarzmeer-Küste den Hang hinauf wächst, ab und an unterbrochen von wunderschönen Wasserfällen. Zusammen mit der Architektur, der aufgetragenen Mode der Einheimischen und den überall herumgrasenden Kühen versprühte das für uns neue Land einen nahezu karibischen Flair. Wir mussten uns kurz die Augen reiben und feststellen, dass die Türkei, die wir doch mit gewisser Wehmut verließen, schon nach wenigen Stunden des Vergleichs ganz schön abstank. Am Strand Boulevard von Batumi erlebten wir dann schließlich einen kleinen Kulturschock. Dieser war kilometerlang, sauber, beherbergte viele Cafés und allerlei Amüsiereinrichtungen und war von spärlich bekleideten Menschen übersät. Das alles kannten wir nicht aus der Türkei. Jenseits des Strandes reckten sich nagelneu glitzernde Hochhäuser und Türme gen Himmel, die mit diversen Gadgets, wie z.B. Riesenrädern auf ihren Dächern ausgestattet waren.

Trotz der Las Vegas Anleihen, die der Architektur der Hotels und Casinos offenkundig zu Grunde gelegt worden waren und die ein reges Nachtleben versprachen, wollten wir es nicht bei einer Tagesetappe von nur 30 Kilometern belassen, fuhren noch weiter und staunten weiter wie plötzlich sich alles um uns herum verändert hatte. Schließlich beendeten wir den ersten Tag in Georgien auf einem besonders schön gelegenen und besonders rudimentär ausgestatteten Campingplatz (mit Holz angefeuert Boiler und Plumpsklo), der lediglich 10 Lari (3,33 Eur) pro Zelt kostete. Kurz nach uns trafen dort zufällig auch Sonja und Alex ein, die Kathrin bereits in Göreme kennengelernt hatten und wir waren nun eine sechsköpfige Fahrrad-Gang, die am nächsten Tag gemeinsam weiter fuhr.

Die feierwütigen Betreiber des Campingplatzes animierten uns zum Trinken georgischen Weins und feierten eine Party mit einer Gruppe russischer Expats in der zum Platz gehörenden Bar. Wir hatten daher Gelegenheit mit zwei jungen Russinnen, die Deutsch studiert hatten zu sprechen. Sie waren quasi wegen des Krieges aus ihrem Land geflohen und waren nun als Englischlehrerinnen in Batumi tätig.

Das wachsen der Gruppe führte am nächsten Tag trotz der Möglichkeit Windschatten zu fahren nicht zu einer Steigerung der Leistung, sondern zu einer Ausweitung der Pausen. Aufgrund der netten Gesellschaften war damit aber keiner unzufrieden und wir kamen uns alle ziemlich cool vor als Fahrradbande. Nach relativ kurzer Etappe ließen wir uns also an einem wunderschönen Fleckchen Erde in diesem paradiesischen Land nieder: Eine saftig grüne Wiese zwischen dem rauschenden Meer und einem ganz klaren Süßwassersee. Natürlich sprangen wir in beide Gewässer und zum ersten Mal kam auf unserem Trip richtiges Urlaubsfeeling auf.

Dass Tilmann beim Baden im See nicht müde wurde immer wieder „ist das geil“ zu wiederholen, hielt Alex zunächst für etwas überzogen. Als er sich selbst in das angenehm temperierte Nass begab musste er allerdings einräumen, dass es sich nicht um eine Übertreibung handelte. Am Abend bekamen wir noch Besuch von einem bärtigen Schönling mit freiem Oberkörper, der stehend auf einer Kutsche daher gefahren kam, die von einem prächtigen Schimmel gezogen wurde. Ohne sich seiner schweren Arbeitshose zu entledigen nahm er ein kurzes Bad im See und war auch schon wieder entschwunden. Glückstrunken waren alle so guter Dinge, dass wir mit nichts Schlimmen rechnen konnten.

“Wo ist mein Fahrrad”, hörten wir am nächsten Morgen Oliver sagen, als auch wir gerade aus unserem Zelt gekrabbelt waren. Erst da bemerkten wir es, nicht nur Olivers, auch Kathrins Fahrrad fehlte. In diesem Moment plumpsten wir alle von der rosaroten Wolke hinab auf den Boden des georgischen Plumpsklos. Schockiert und ratlos standen wir in dieser schönen Kulissen und waren alle sauer und traurig, zwei ganz besonders. Verzaubert vom Quarken der Frösche und dem Meeresrauschen, hatten wir alle tief geschlafen und nicht gehört, wie nachts die beiden Fahrräder, die zwar abgeschlossen aber nicht angeschlossen waren, weggetragen wurden. Die beiden Pärchen hatten ihr Fahrräder aneinander geschlossen, was wahrscheinlich den Diebstahl aller Räder verhindert hatte. In einem Anflug von purem Aktionismus schwang sich Tilmann auf sein Fahrrad und fuhr die nähere Umgebung ab, um nach den Rädern zu suchen, natürlich ohne Erfolg.
Dieses Ereignis sollte unsere erst junge Bande wieder auflösen, doch wir wollten die Beklauten nicht einfach zurücklassen, sondern buchten uns alle in dem neben der Polizeistation (die wie alle Polizeistationen in Georgien wie eine Lego-Polizeistation aussah) liegenden Hotel ein, bevor wir uns einen Tag später zerstreuen.

Die Polizei fuhr noch einmal mit den beiden zum Tatort, was in Deutschland freilich undenkbar gewesen wäre. Dennoch waren die Beamten ansonsten im Wesentlichen ratlos, wie nicht anders zu erwarten war. Die nun Fahrradlosen dachten an Aufgeben und Heimfliegen, denn ein neues geeignetes Fahrrad zu finden, schien hier in Georgien schwierig zu werden. Da kam uns die Idee, dass unser Schätzelein vielleicht ein Fahrrad aus Deutschland mitbringen könnte. Mit ihm und Samira, die ihren Urlaub in Georgien verbringen wollten, waren wir in knapp drei Wochen in Tiflis verabredet. Nach kurzer Bedenkzeit war Kathrin Feuer und Flamme und hatte in Nullkommanix ein Fahrrad gefunden, sich die gewünschte Komponenten dazu bestellt, mit dem Radladen ihres Vertrauens den Umbau vereinbart und mit ihrer Schwester den Transport zum Flughafen geregelt. Oli überlegte ein paar Tage länger, doch auch er wollte seine Reise fortsetzen. So wurde das Schätzelein kurzerhand von uns zum Fahrradlieferant ernannt und ihm gebührt viel Dank und Ehre für die Rettung unserer Fahrradfreunde!

5 Gedanken zu “die fahrradbande und die hundsgemeinen fahrraddiebe 🇬🇪

  1. So gemein können Hunde gar nicht sein. Das waren Katzgemeine Fahrraddiebe! Ihr solltet nach Belgischer Sitte am Tatort eine Außenbestuhlung hinterlassenn oder nach multiextremitaler Hundemutanten-Sitte nach dem Ist-das-Geil-Zustand in den Jasammaram-Zerek-Zerek-Modus wechseln, als hätte man Euch die Decke weggezogen und alles und jeden zerteilen, der euren Weg kreuzt. Das wäre dan Hundsgemein. Wer hier nur Bahnhof versteht, wurde nicht außreichend in die Schraubenkacker-An(n)alen eingeführt. Porque Lupe tiene Corona en el Cuuuuloooooo!
    Peace Out an das Schätzelein!

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