drei pilgerten zum kloster 🇹🇷

Tag 82 bis 84 (23.06. bis 25.06.23)
Distanz: 128 km (∑ 5.213 km)
Höchster Punkt: 2.080 m
Tiefster Punkt: 380 m
Rauf: 1.930 m
Runter: 2.910 m

Gemeinsam starteten Kathrin, Julia und Tilmann am 23. Juni und damit am Tag 82 unserer Reise. Doch nach nur wenigen Kilometern durch mittlerweile an den Schwarzwald erinnernde Berglandschaft, hatten wir Kathrin aus den Augen verloren. Wir erklommen mal wieder einen 2.000-Meter-Pass, den Tersun-Dagi-Pass, und es wurde langsam alpin. Für die Abfahrt entschieden wir uns einen kleinen unbefestigten Waldweg zu nehmen, der einige Herausforderungen zu bieten hatte und uns über etliche Serpentinen in ein hübsches Tal führte. Es war nun nicht mehr schlicht alpin, wir hatten das Gefühl in die Voralpen teleportiert worden zu sein. Die Temperaturen waren in den letzten Tagen bereits stark gefallen und hier oben war es nochmal kälter, sodass wir tatsächlich noch einmal genötigt waren, die Jacke und Handschuhe auszupacken, womit wir nicht mehr gerechnet hatten für die nächsten Monate. Als wir an Höhenmeter verloren, wurden die Tannen abgelöst von rötlichen Felsen und schon hatte uns der Teleporter aus den Alpen zurück nach Anatolien katapultiert. Als wir wieder auf die Landstraße stießen und die Datenverbindung wieder stabil war, stellte sich heraus, dass sich eine Speiche von Kathrin verabschiedet hatte, die sie mit Panzertape provisorisch geflickt hatte und uns nun wieder auf den Fersen war. Allerdings wählte sie den längeren aber nicht so holprigen Weg über die Hauptstraße.

Wir checkten derweil schon einmal die Lage aus und fragten im Ort Övündü in einem Laden – der neben Kaltgetränken und einigen (zu) wenigen Lebensmitteln, eine reichhaltige Auswahl an Hundefutter und Nägeln führte – ob wir den von Komoot vorgeschlagenen „Schleichweg“ von hier zum Kloster Sümela fahren könnten (der uns auf 2.600 m Höhe gebracht hätte) oder ob wir auf der Schnellstraße gemeinsam mit den Lkw fahren müssten. Alle Anwesenden in dem Laden waren sich einig, dass wir auf der gut ausgebauten Straße und damit über Macka fahren sollten. Etwas traurig, mal wieder ein Abenteuer in den Bergen (wie damals als wir Richtung Sarajevo nicht durch das Rika-Tal gefahren sind) verpasst zu haben, machten wir uns an die Weiterfahrt, nutzten aber die Gelegenheit uns einen großes Nagel als Ersatz für einen abhanden gekommenen Heringe schenken zu lassen.

Die Weiterfahrt bis nach Torul verlief angenehm bergab und war auch ohne Wildnis-Abenteuer interessant, denn der Weg war weiterhin gesäumt von faszinierenden Felssteilwänden. In Torul, das spektakulär von Felsen eingerahmt ist, wurden wir schließlich von Kathrin eingeholt und machten uns nach dem Erwerb einer Gasflasche und einem (wie sich später mal wieder herausstellen sollte unnötigen) Lebensmitteleinkaufen an die Schlafplatzsuche. Im Ort hatten wir einmal mehr für erhebliches Aufsehen gesorgt und waren froh als wir alle Erledigungen hinter uns hatten.

Wir erhofften uns am Ufer des Staudamm des Dogankent eine geeignete Stelle zu finden und da Google-Maps uns mitteilte, dass es dort eine Brücke geben sollte, würden wir am nächsten Tag auch schnell wieder auf die andere Seite zu der Schnellstraße wechseln können. Als wir dort ankamen, war keine Brücke zu sehen und auch das Ufer war sehr steil. In Camlica fragten wir einen Herren, der gerade aus seinem Neubau kam, ob wir von ihm Wasser bekommen könnten. Er bot uns seinen Wasserhahn an und während wir unsere Wassersäcke in seiner schicken brandneuen Küche füllten, erklärten wir, dass wir zu zelten beabsichtigten. Wie nicht anders zu erwarten war, bot er uns seinen Garten an, der direkt am Ufer des Stausees lag und mit einem kleinen Steg zum Angeln sowie mit Obstbäumen sehr hübsch war.

Obwohl wir die Fahrräder oben lassen mussten, da der Weg in den Garten nur durch das Haus führte, waren wir sehr entzückt und willigten ein. Selbstredend wurde uns Cay angeboten und als wir nach dem Zeltaufbau wieder in die Küche kamen, stand auch noch Salat, Käse und Oliven auf dem Tisch. Außerdem hatte der Hausherr extra bei den Nachbarn das Köy Ekmek besorgt, also das „Dorfbrot“, dass exklusiv in diesem Dorf gerne gegessen wurde. Es handelte sich um ein Brot, dass erst getrocknet wird, so ewig haltbar bleibt und bei Verzehrwunsch eingeweicht wird. Diese regionaltypische Spezialität lobten wir besonders, auch wenn wir uns an einigen Stellen fast die Zähne daran ausbissen.

Ebenfalls herbeigerufen wurde ein Nachbar der in Schwerte lebte und gerade im Heimaturlaub war. Er konnte uns erklären, warum die Brücke nicht mehr da war: Am Grund des Stausees war ein Dorf, in dem die beiden Männer auch aufgewachsen waren und die Brücke war ebenfalls mit der Flutung des Dorfes im Jahr 2008 untergegangen. Als Ausgleich hatten die Anwohner vom Staat Entschädigungszahlungen für den Bau neuer Häuser am neuen Ufer erhalten, beide bestätigten auf unsere Nachfrage, dass der Staat sich hier sehr großzügig gezeigt hatte und es nichts zu meckern gäbe, wenngleich beide auch das alte Dorf etwas vermissten. Es stellte sich außerdem heraus, dass unser Gastgeber Filmproduzent war, der hauptsächlich Reportagen drehte und in Bulgarien einen Filmpreis für eine Dokumentation über Weihrauch bekommen hatte. Ferner erklärte uns der Herr aus Schwerte, dass er in der Türkei sofort als „Ausländer“ erkannt werden würde, auch ohne den Mund aufzumachen. Auf unsere Nachfrage hin wussten die beiden keine richtige Erklärung, es sei einfach die Aura meinte der Filmproduzent, vielleicht auch Bewegung und Gestik.

Nach dem Essen kletterten wir wieder hinunter zum Ufer und freuten uns auf einen geruhsamen Schlaf unter den Maulbeerbäumen, schließlich gab es hier ausnahmsweise mal keine Kinder, Hunde oder Jugendliche mit Mopeds. Doch keine Nacht in der Türkei ohne Ruhestörung, diesmal waren es wilde Pistolenschüsse in näherer Umgebung, wahrscheinlich mussten einige Straßenschilder dran glauben.

Am nächsten Morgen mussten wir aufgrund der fehlenden Brücke den Staudamm noch einmal umrunden, um wieder auf die Schnellstraße Richtung Trabzon zu gelangen und gleich ging es wieder bergauf, diesmal lang, sehr sehr lang, denn um an das Schwarze Meer zu gelangen mussten wir noch die Kalkanli-Berge überqueren. Unser Dreiergespann wurde zunächst in die Länge gezogen und zerfiel dann nach kurze Zeit in drei Einzelkämpfer. Die stark befahrene Straße wurde schmaler, ließ aber noch genug Platz zwischen uns und den vorbeifahrenden LKW auf der einen und uns und dem Abgrund auf der anderen Seite. Tilmann nutzte die Zeit, um mittels Internetrecherche und Taschenrechner zu ermitteln wie viel teurer das Kochen mit Gas im Vergleich zu Benzin ist (das unerfreuliche Ergebnis haben wir bereits in einem der vergangenen Beiträge mitgeteilt) und postete einige Insta-Stories, um unsere Follower über den dramatischen Anstieg auf dem Laufenden zu halten.

So arbeiteten wir uns jeder für sich die knapp 1.000 Höhenmeter hinauf und am Scheitelpunkt in 1840 Meter Höhe empfing uns ein düsterer Tunnel, der uns jedoch vor der Erklimmung des Gipfels bewahrte. Da Komoot keine Tunnel kennt, waren wir von einem noch viel dramatischeren Anstieg ausgegangen. Während Julia bald wieder zu Tilmann aufgeschlossen hatte, blieb Kathrin weit hinter uns beiden zurück und so machten wir uns zu zweit an die Abfahrt.

Berghoch war uns noch warm, aber bergab mussten wir mal wieder unsere Wintermontur anziehen und bibberten trotzdem, als wir durch diese satt grüne und unglaublich schöne voralpine Landschaft sausten. Mehrmals mussten wir anhalten, um die Aussicht zu genießen. Mehr als 1.000 Höhenmeter ging es so runter bis Macka, überall auf der Strecke konnte man Baustellen für neue Tunnel und Fahrspuren bewundern. Eine dieser neuen Tunnelbegrenzungen war einem LKW zum Verhängnis geworden, seine zerschmetterten Überreste klebten an der neubetonierten Mauer, gegen die er gerammt war. Wir kamen sicher an unser Ziel, als gerade der Regen einsetzte und wir unsere Pläne auf einen Campingplatz zu gehen noch einmal in Frage stellten. Nach einem Cig Köfte und etwas Bedenkzeit hatte der Regen aber bereits wieder nachgelassen, also steuerten wir die Campingplätze an, die auf dem Weg Richtung Kloster liegen sollten. Dazu ging es wieder bergauf und wieder Richtung Süden, denn zum Kloster gelangt man über das östlich benachbarte Tal zu jenem, dass wir auf dem Weg nach Macka herabgekommen waren. Es ging durch dampfende feuchte Wälder, die sich an den Steilen Felswänden hochzogen und in den Nebel und Wolkenschichten über uns verschwanden. Nach kurzen Inspektionen, entschieden wir uns für den dritten Campingplatz, der uns mit überdachten Sitzgelegenheiten überzeugte. Kathrin trudelte etwa zwei Stunden nach uns ein, wie immer bestens gelaunt. An diesem Abend sollten wir unsere Lieblingskatze der bisherigen Reise kennenlernen: Two-Face Dragon-Head!

Nächster Tag: Kloster-Tag. Das Kloster Sümela ist eines der Touristen-Highlights der Türkei. Ein Kloster, dass verrückte Mönche bereits im Jahr 500 hoch oben an einen steilen Berg in den Felsen hinein gebaut hatten, welches mehrfach zerstört und wieder aufgebaut wurde. Wir wollten dieses an unserem Ruhetag mal ohne Fahrräder erkunden und fragten bei der Familie, die den Campingplatz betrieb, ob denn ein Bus dorthin führe. Der 16-jährige Sohn, der für türkische Verhältnisse fabelhaft Englisch sprach (für deutsche Verhältnisse eher durchschnittlich) erklärte uns, er könne ein Taxi für uns organisieren. Es stellte sich heraus, dass das Taxi das Auto der Familie und der Fahrer der Vater war. Vater und Sohn bemühten sich dann, uns einen echten Touristenausflug zu bescheren: An jedem möglichen und unmöglichen Stopp durften wir aussteigen, um Fotos zu schießen, uns wurden diverse Läden mit Souvenirs gezeigt, obwohl wir nach einem Laden mit Brot gefragt hatten und wir hielten an mehreren Stellen damit wir auf Toilette gehen konnten, was wir eigentlich nicht mussten. Wir blickten nur staunend aus dem Fenster und bewunderten die von grün überwucherten Felsformationen von denen Rankpflanzen herabhingen, welche in der enger werdenden Schlucht immer dichter an die Straße heranrückten. Während wir anfangs noch dachten, dass wir die 13 km auch locker mit dem Fahrrad hätten bewältigen können, wurden uns im letzten Drittel eines besseren belehrt. Der Weg zum Kloster war trotz unzähliger Serpentinen derart steil in den Fels gehauen, dass einem Angst und Bange werden konnte.

Das Kloster war genauso beeindruckend anzusehen, wie wir erhofft hatten, auch wenn die Fotos wegen des grauen Himmels nicht so gelungen sind, wie gewünscht. Der Anblick von unten hinauf in die Felswand, in der das Kloster thront, war spektakulärer, als das Kloster von innen zu besichtigen und das nicht nur wegen den ganzen anderen Touristen, die sich unhöflich in den engen Räumen vordrängelten. Ein Teil der Innenräume war nicht zugänglich wegen Renovierung und die alten Fresken aus dem frühen 18. Jahrhundert sind stark beschädigt, obgleich die Farbe nach so langer Zeit immer noch einen vollen Ton aufweist. Ebenso absurd, wie der Ort, an dem das Kloster erbaut wurde, ist die Absicherung, die heutzutage vorgenommen wird, um Steinschläge von der Felswand über dem Kloster zu verhindern. Mehrere Kletterer sind dort beschäftigt, um diese Absicherung stetig nachzubessern. Als echte Touristen, die wir an diesem Tag waren, gönnten wir uns im Museumsshop einen Kaffee, der für türkische Verhältnisse ausgezeichnet war und genossen den Anblick auf die Bergwelt der Schwarzmeer-Region. Zurück auf dem Campingplatz verbrachten wir den Rest des Tages mit Faulenzen, Yoga, Biertrinken, Quatschen und mit Two-Face Dragonhead zu kuscheln.

Am nächsten Morgen erwachte Julia von einem seltsamen Geräusch, sie blickte an die Zeltdecke und sah über sich vier Pfoten. Sie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen: Two-Face hatte es sich in der Zwischenwelt zwischen Außen- und Innenzelt gemütlich gemacht. Julia weckte Tilmann, um ihre Entdeckung zu teilen, dieser sah bereits das Innenzelt durch scharfe Krallen in 1.000 Fetzi-Fetzen zerlegt. Deshalb öffnete Julia schnell das Innenzelt, um sich die Katze zu schnappen. Diese war höchst erfreut, dass sie ihre neuen Freunde nun geweckt hatte und erweichte gleich Julias Herz, die sie dann ins Zelt schlüpfen ließ, nicht ohne Angst, die Krallen könnten die Luftmatratzen durchlöchern. Doch eine echte Campingplatz-Katze weiß natürlich was sich gehört und ließ das gute Camping-Equipment unversehrt, rollte sich einfach am Fußende ein und schnurrte die beiden Fahrradfahrer noch einmal in den Schlaf.

Als diese erneut erwachten, trommelte der Regen an die Zeltwand und keiner der drei Anwesenden hatte Lust den geschützten kleinen Raum zu verlassen. Auch das Stöhnen und Murren aus dem Nachbarzelt, ließ erahnen, dass sich Kathrin ebensowenig über den Wetterwechsel freute. Trotzdem begannen wir unsere Sachen zu packen und auch Two-Face musste als aller letzte dann das Zelt räumen, bevor wir es nass in unseren Zeltsack stopften. Zum Glück wussten wir, dass wir es heute Abend würden trocknen können. Denn unser heutiges Tagesziel war das nur 30 Kilometer entfernte Trabzon, in dem wir bereits ein Apartment über otelz.com gebucht hatten. (Booking.com funktioniert in der Türkei nicht, da ein türkisches Gericht entschieden hatte, die Seite aufgrund unfairen Wettbewerbs zu sperren. Auf dem türkischen Pendant otelz.com findet man jedenfalls sehr billige Unterkünfte). Auf dem Weg dorthin entdeckte wir noch ein lustig aussehendes Spaßparadies mit einer Zip-Line und da wir gerade in einer fröhlichen Stimmung waren, ließen wir uns in Gurte spannen, flitzen an den steilen bewaldeten Hängen durch die Luft und beendeten mit diesem etwas zu kurzen Spaß unser Touristenprogramm. In Trabzon sollte es dann mit dem Spaß fürs erste vorbei sein.

3 Gedanken zu “drei pilgerten zum kloster 🇹🇷

  1. Waowww, sehr schöne Fotos!. Sehr süße Katze. Mein Name stammt aus dem Kloster „Symela“, und ich bin so froh, dass du es besucht hast. Möglicherweise kam meine väterliche Seite vor langer Zeit aus Griechenland. Die Griechen haben die Herkunft meines Namens herausgefunden, als ich drei Jahre in Griechenland lebte. Ich habe in Straubing einen Mann kennengelernt, der ursprünglich aus Frankfurt kommt und in seinem Laden Fahrräder repariert. Gerade heute habe ich ihm gegenüber von Ihnen gesprochen. Gute Reise!

    1. Na sowas. Das hätten wir nun auch nicht auf dem Schirm bei unserer Expedition dorthin.
      Wir waren heute auch in einem Fahrradladen, aber 50 Euro für eine Kette für die man in Deutschland maximal 20 hinlegen muss ging dann doch zu weit…

  2. Na , offensichtlich ist Tilmann in der Begleitung von nunmehr zwei fröhlichen Frauen. Das sollte doch unbedingt ansteckend sein.
    Und diese Katze ist nun mal äußerst verführerisch, ihr könnt euch glücklich schätzen, immer wieder solche kurzfristigen Begleiter zu finden. Da Katzen nicht gerne reisen, besteht auch keine Gefahr an Mitnahmegedanken….
    Ein unglaublicher Ausflug. Die Griechen scheinen spektakuläre Klosterbauten zu favorisieren.
    Glückwunsch zu Allem

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