Tag 71 bis 75 (12.06. bis 16.06.23)
Distanz: 31 km (∑ 4.552 km)
Höchster Punkt: 1.390 m
Tiefster Punkt: 950 m
Rauf: 570 m
Runter: 320 m
Am Nachmittag des 12. Juni, Tag 71 unserer Reise, erreichten wir endlich die Region Kappadokien. Bereits auf dem Weg dorthin säumten interessante Felsformationen den Weg, in manchen waren auch von Menschen geformte Höhlen zu erkennen. Im Dorf Büyükkayapa wurden diese auch noch ganz regulär als Ställe, Werkstätten und Lagerräume genutzt. Leider hielten wir dort nicht an, da Tilmann der Meinung war, dass nun jedes Dorf so aussähe, was sich schon beim nächsten Ort als Irrtum erwies. Schließlich erreichten wir in Gülsehir den Geopark Kappadokien. Dort mussten wir nicht mehr lange suchen um eine erste in den Fels gehauene Stadt zu entdecken, die am Rande der neuen Stadt lag und sich keinerlei Aufmerksamkeit von irgendwem außer uns erfreute. Für uns war es ein faszinierender Anblick und wir erkletterten uns einige der Höhlenhäuser. Wären an dieser jahrtausendealten UNESCO-Welterbestätte nicht zahllose Bierdeckel, Scherben und Plastiktüten gelegen, hätten wir dort auch übernachten können. Denn einen besonderen Schutz bzw. eine Überwachung gab es hier nicht. Da wir aber auch ein bisschen Komfort bevorzugen, fiel unsere Schlafplatzwahl schließlich auf den Vorplatz der St. Jean Kirche.
In dieser in Fels gehauene zweistöckigen Kirche sind noch einige der alten Fresken erhalten bzw. restauriert, weshalb sie ohnehin auf unserem Sightseeing-Programm stand. Als wir dort ankamen, waren die Vorhänge des Ticketbüros bereits zugezogen. Das kleine Gelände um die Felsenkirche herum war allerdings gut gepflegt, es gab einen Wasserhahn und einen Tisch und solche Infrastruktur doch sehr schätzen, erlaubten wir uns die kleine Dreistigkeit auf dem Museumsgelände unser Lager aufzuschlagen. Wir gehen mittlerweile sowieso davon aus, dass sich kein Türke daran anstößt, wo wir unser Zelt hinstellen. Im Gegenteil, wir werden eher noch zum Essen eingeladen. Allerdings wurden wir an diesem Abend tatsächlich einmal nicht entdeckt und waren froh selbst zu kochen, unsere Ruhe zu haben und mal ganz ohne Google-Translator sprechen zu können.
Bevor der Museumswärter am nächsten Tag die Kirche aufsperrte, hatten wir unsere sieben Sachen bereits zusammengepackt und konnten dann vor unserem Aufbruch die byzantinischen Fresken aus dem Jahr 1212 bewundern, wie es vor uns bereits Angela Merkel getan hatten, was durch ein Beweisfoto am Tickethäuschen belegt wurde. Unsere ehemalige Kanzlerin ist den meisten Türken sowieso ein Begriff und unsere kläglichen Versuche zu erklären, dass Angela Merkel jetzt Olaf Scholz heißt wurden meistens nur mit Stirnrunzeln gekontert. Für die Türken bleibt sie wohl die ewige Kanzlerin.












Da wir jetzt in Kappadokien waren jagte natürlich eine Sehenswürdigkeit die andere, nach nur wenigen Kilometern Fahrt besichtigten wir die Felsenstadt Asiksaray, ein weitläufiger Komplex von in die Tuff-Felsen gehauenen Kirchen und riesigen Räumen, die mit Gängen verbunden sind. Der altertümliche Ort schmiegt sich in ein grünes Flusstal und auch ein bizarrer pilsförmiger Felsen ist dort zu finden, eine Foto-Muss für jeden Kappadokien-Besucher. Voller Entdeckerdrang durchstreiften wir das mystische Gelände, auch hier hatte sich außer uns keine Menschenseele hin verirrt. Wie so oft in den nächsten Tagen fragten wir uns, warum hier in Kappadokien nicht Star Wars, Game of Thrones, Lord of the Rings und alle sonstigen Fantasy- und Science Fiction-Filme gedreht wurden bzw. warum überhaupt gar kein international bekannter Film hier gedreht wurde.
Erneut türmten sich Gewitterwolken über uns, aber wir schafften die 10 Kilometer bis in die Provinzhauptstadt Nevsehir unversehrt und gerade rechtzeitig in den einzigen Fahrradladen, als es zu regnen begann. Ein letzter Versuch Klick-Schuhe zu ergattern bescherte uns eine Einladung zu einem schwarzen Filter-Kaffee in einer großen Tasse! Sowas hatte es seit Istanbul nicht mehr gegeben und auch in Istanbul war der kredenzte „Americano“ nicht besonders schmackhaft. Doch der Fahrradhändler servierte uns einen astreinen „normalen“ Kaffee und hatte uns damit natürlich direkt um den Finger gewickelt. Julia bestellte Schuhe und man verabredete sich in drei Tagen wieder zu sehen. Nach dem Regenguss brachen wir auf zum Campingplatz Panorama in Göreme, wo Kathrin bereits seit einigen Tagen verweilte und auf uns wartete. Ein freudiges Zusammentreffen stand uns bevor, nachdem wir uns zuletzt in Istanbul im Morgengrauen nach einer ausgiebigen Party-Nacht verabschiedet hatten.










Die Fahrt nach Göreme verlief zunächst durch flaches Gelände, auch mit überschreiten der Grenze zum „Nationalpark Göreme und die Felsbauten von Kappadokien“ sah alles noch sehr normal und unspektakulär aus. Dann jedoch sahen wir in der Ferne einen riesigen Felsbrocken, der mit mit unserer Annäherung immer weiter wuchs und in dem wir schließlich auch eingehauene Türen und Fenster erkennen konnten. Ein Gebilde wie aus einem Fantasy-Film: Die Felsenburg von Uchisar, die erst der Anfang war. Sie thront über dem Städtchen auf der einen Seite und auf der anderen über einer Ebene, die den Kern des Nationalparks mit Tälern voller verrückter Felsformationen aus Tuffstein, mehrfarbigen Steilwänden und Höhlen an den unglaublichsten Stellen bildet. Wir brausten in diese Ebene hinunter zu unserem Quartier und konnten uns gar nicht satt sehen. Der Name des Campingplatz Panorama war Programm. Von einer Plattform aus konnte man das ganze Ausmaß der unbeschreiblichen Landschaft von Kappadokien sehen und jeden Morgen die aufsteigenden Heißluft-Ballons beobachten. Das ließ sich der Campingplatzbetreiber auch entsprechend vergüten und mit unserem Gefeilsche um den Preis stießen wir bei ihem auf Granit und nicht auf Tuffstein. Schließlich sei sein Campingplatz besonders schön mit Küche, Pool und Aufenthaltsraum mit Sofas und Aussicht. Immerhin bekamen wir 2 mal Waschen umsonst (die er hätte vermutlich eh vergessen abzurechnen) und um die Vorzüge dieses Platzes voll auszunutzen, stürzten wir uns gleich mal zusammen mit Kathrin in den Pool.
Wie wir etwas beschämt feststellen mussten, war das für Tilmann das erste und für Julia erst das zweite Mal auf dieser Reise, dass geschwommen wurde. Nun waren wir bereits an so vielen Meeren und Seen vorbeigefahren und erst ein kleiner Pool auf einem Campingplatz in Kappadokien lud uns zum Baden ein. Aber bisher war das Wasser auch immer noch zu kalt oder zu dreckig gewesen, oder es hatte sonst irgendetwas nicht gepasst.
Die nächsten Tage auf dem Campingplatz waren gefüllt mit gegenseitigen Reiseberichten und Erfahrungsaustausch, denn hier war ein Schmelztiegel von Travellern. Wir lernten Reisende aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden kennen, viele waren mit Motorrädern unterwegs oder mit dem Auto, einige reisten quer durch die Türkei, andere wollten ebenfalls weiter in den Iran. Uns Radreisenden wurde viel Respekt gezollt und auch wir blicken mittlerweile mit einigem Stolz auf die von uns zurückgelegte Strecke, auch wenn es sich für uns jeden Tag nach wie vor sehr normal anfühlt Fahrrad zu fahren. Das Städtchen Göreme bildet den Mittelpunkt des Nationalparks in Kappadokien und wir konnten zu Fuß einige Highlights der Umgebung erkunden. Die Felsformationen die sich hier aus dem Tuffstein, den zum ganz überwiegenden Teil der Vulkan Erciyes (3.917 m) hier abgelagert hat, herausgebildet haben sind nicht nur faszinierend, lustig und wunderschön, sie sehen auch in jedem Tal ein bisschen anders aus.
Besonders gut hat uns das durch den ganzen Tourismus inzwischen einfach allgemein als „Love-Valley“ bezeichnete Tal gefallen. Die dort vorzufindenden Gesteinsformationen erinnern mit ihren kerzengerade empor stehenden Schaften, die von Hauben gekrönt sind tatsächlich sehr klar an Phallus-Symbole und wir konnten uns nicht entblöden diese Szenerie, wahrscheinlich wie abertausende Touristen vor uns, in entsprechenden Posen abzulichten. Spaziert man in den Tälern in Kappadokien herum, ist man die meiste Zeit für sich und wir nur sehr sporadisch von einem Reiter-Trupp überholt oder einer Quad-Gang gestört.














Am zweiten Tag hatte uns der Regen auch in Kappadokien eingeholt und so fuhren wir mit einem Pärchen aus der Schweiz die unterirdische Stadt Derinkuyu besichtigen. Da diese rund 30 km südlich von Nevsehir liegt, waren wir froh, dass die beiden uns in ihrem Landrover mitnahmen. Derinkuyu ist die bekannteste und gleichzeitig die größte der Öffentlichkeit zugängliche Untergrundstadt in Kappadokien. Der Besuch war verrückt. Die Stadt war und ist ein Labyrinth aus unzähligen Tunneln und kleineren und größeren Kammern. Einige sind so niedrig, dass man auf allen Vieren hindurch krabbeln muss. Es geht ständig rauf und runter, links und rechts und um Kurven, sodass man in kürzester Zeit vollkommen die Orientierung verliert. Zwar soll sich der Komplex eigentlich in Stockwerke untergliedern, aufgrund einer Vielzahl von Zwischenebenen und sehr unterschiedlichen Distanzen zwischen diesen, ist es kaum möglich nachzuvollziehen auf welchem Level man sich befindet. Klaustrophobischen Menschen sei dringend von einem Besuch abgeraten, aber die Szenerie ist eigentlich für jedermann als Kulisse für einen Albtraum geeignet.
Interessant war, dass es quasi keine textlichen Erläuterungen innerhalb der Anlage gab und auch am Kassenhäuschen gab es lediglich eine Tafel mit überschaubaren Informationen. Tatsächlich scheint der Forschungsstand über die Stadt, trotz ihrer Entdeckung vor über 50 Jahren nicht weit fortgeschritten, was auch auf die übrigen kappadokischen Untergrundstädte zuzutreffen scheint. So gehen manche Archäologen von den Hethitern als Erbauer vor über 4000 Jahren aus, während andere vermuten, dass Christen die Städte zum Schutz vor Verfolgern angelegt hätten. Hingegen gilt als sicher, dass erst die christlichen Bewohner zwischen dem 6. und dem 10. Jahrhundert den Anlagen ihre heutige Form gaben. Auch über die Bewohnerzahl gibt es widersprüchlich Angaben; sie schwanken zwischen 3000 und 50.000.






Obwohl wir uns wegen der horrenden Preise bereits vorab gegen einen Ballonflug entschieden hatten, ließ sich Julia von der Stimmung auf dem Campingplatz mitreißen. Reisende, die bereits in der Luft waren, schwärmten davon und überzeugten erst Kathrin, dann Thomas und schließlich auch Julia, dass die 150 Euro ihr Geld Wert wären. Jeden Morgen steigen über Kappadokien ca. 160 Ballons auf. Vor ca. 30 Jahren wurde die erste Ballonfahrt angeboten und mittlerweile sind die Ballons zu einer der Hauptattraktionen hier geworden. Natürlich kann man von dem Ballon aus die spektakuläre Landschaft wunderbar sehen, allerdings wollen mittlerweile alle die Landschaft einmal vom Ballon aus sehen und dann noch die Landschaft mit den Ballons. Deshalb vollzieht sich jeden Morgen ab 3:30 Uhr in der Früh ein irres Spektakel. Ca. 160 Ballons werden mit großen Pick-Ups durchs Tal transportiert, ca. 3.000 Passagiere (20 pro Ballon) werden mit Kleinbussen bei ihren Unterkünften eingesammelt, Touristinnen in Ballkleidern werden in Oldheimern zu guten Fotospots gefahren für das perfekte Bild mit Balloons im Hintergrund. Um ca. 5 Uhr steigen die Ballone auf, da es um diese Uhrzeit die günstigsten Windverhältnisse gibt.
Besonders faszinierend ist, wie die Ballons noch im Dunkeln langsam aufgeblasen werden und ihre Farben in der Dämmerung erblühen, sobald die Gasflamme sie erhellt. Langsam wachsen die birnenförmigen Körper und vor lauter Faszination hätten Julia und Kathrin beinah ihren Ballon verpasst, sprangen dann aber noch schnell in den mit Menschen vollgestopften Korb. Sanft stieg der Ballon in den Himmel hinauf, ein sehr angenehmes Gefühl. Während der Ballon-Fahrt ging die Sonne über Kappadokien auf, umgeben von den vielen anderen Ballons schwebten wir durch die Täler und stiegen auf 400 Meter auf.
Die einstündige Fahrt ging schnell vorbei und hätte auch noch länger Spaß gemacht. Unsere Pilotin steuerte eine Landwiese an und vier Männer hielten mit aller Kraft den Ballon fest, bis die heiße Luft wieder entwichen war. Nachdem alle aus dem Korb gekrabbelt waren wurde uns noch ein Guten Morgen Sekt und ein Zertifikat als offizielle Ballon-Mitfahrer überreicht.
Kappadokien sehen und sterben. Wenigstens diesen Film sollte man dort noch drehen.















so kurz nur……och wie schade. es ist wirklich irre
Wow, wirklich beeindruckend! Wäre echt eine super Kulisse.