da ward’ des staunens kein ende 🇲🇰

Tag 38 bis 40 (10.05. bis 12.05.22)
Distanz: 151 km (∑
2.821 km)
Höchster Punkt: 1.640 m
Tiefster Punkt: 630 m
Rauf: 2.230 m
Runter: 2.050 m

Der Sattel des Qafë Thana bildet die Grenze zwischen Albanien und Nordmazedonien. Wir konnten uns also vermeintlich mit Vollgas in das nächste Land stürzen. Die Lkw und die Hitze vergangener Sommer hatten dem Asphalt jedoch erheblich zugesetzt, sodass die Abfahrt mit gewisser Vorsicht von statten gehen musste.

Am Ende der Abfahrt erstreckte sich der riesige Ohrid-See vor uns, einer der ältesten Seen der Erde und ebenfalls UNESCO-Welterbe, der von Bergen mit schneebedeckten Gipfel umrandet wird. Wir stießen zunächst an sein nördliches Ufer, wo die Küste flach und mit Schilf bewachsen und alsbald mit viel touristischer Infrastruktur zugepflastert ist. Die gleichnamige Stadt Ohrid wollten wir uns trotz steilem Anstieg nicht entgehen lassen und konnten viele antike, byzantinische und osmanische Gemäuer bewundern während wir über Kopfsteinpflaster durch die Altstadt hoppelten. Uns entgingen auch nicht die Perlenverkäufer, die eine Art Wahrzeichen der Stadt sind. Doch am besten gefiel uns, dass der Basketballplatz von Ohrids Kindern mitten in der Altstadt nicht der touristischen Infrastruktur weichen musste. Im neuen Teil der Stadt reiht sich ein Restaurant neben das andere, wir suchten allerdings nur den Supermarkt auf und freuten uns über das reichhaltige Angebot an veganen Speisen, das wir in den vorher bereisten Ländern vermisst hatten. Mit vollgepackten Taschen machten wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz, nicht bevor wir erstmalig die eigens mitgeführte Rohrzange zur Beschaffung von Trinkwasser einsetzten (natürlich achteten wir darauf den Wasserhahn nach der Wasserbeschaffungsmaßnahme nicht zu sehr zuzuknallen). Kurz hinter der Stadt wurden wir fündig. Direkt am See hinter einem brachliegenden Gelände, dass mit einem massiven Sperrholzzaun eingehaust war, fühlten wir uns gut versteckt. Als wir jedoch mit dem Kochen und dem Zeltaufbau begannen, merkten wir schnell, dass hier eine beliebte Strecke für Abendspaziergänger*innen sowie kiffende Jugendliche war. Außerdem stellten wir fest, dass direkt um die nächste Ecke der nächste Zeltplatz war. Trotzdem störte sich keiner an uns, sondern alle grüßten mit einem freundlichen „Dobre vece“. Langsam haben wir uns daran gewöhnt, dass Wildzelten, als etwas ganz normales akzeptiert wird und wir bisher noch keinerlei Schwierigkeiten deswegen hatten. Das Geräusch der Wellen des Ohrid-See wiegte uns sanft in den Schlaf.

Am nächsten Morgen lag der See still vor uns und wir studierten die digitale Karte, um uns mit der weiteren Route vertraut zu machen. Diesen Abschnitt hatten wir bereits vor geraumer Zeit grob geplant und uns zuletzt nicht mehr intensiver mit ihr beschäftigt. Wir waren davon ausgegangen nur einen kurzen Abstecher von einem Tag nach Nordmazedonien zu machen und dann nach Griechenland weiter zu reisen. Jetzt stellten wir fest, dass das so ohne Weiteres gar nicht ging: Wir müssten entweder nochmal nach Albanien einreisen, oder noch einmal ein Stück bis Ohrid zurück fahren oder über einen 1640 m hohen Pass, auf der Durchquerung des Galicica-Nationalparks. Ohne genau zu wissen, was auf uns zukommt, entschieden wir uns für den Berg – ein Bauchgefühl sagte uns, dass sich das lohnen würde und auch der Kellner im Café bestätigte uns, dass die Straße gut befahrbar und die Aussicht schön sein würde. Die Serpentinen und das Höhenprofil sprachen zwar eine deutliche Sprache, aber die nördliche Variante verlief entlang einer Hauptstraße und noch einmal nach Albanien zurück wollten wir auch nicht. Die in versprochene schöne Aussicht war wahrhaft eine Untertreibung – denn soe war einfach bombastisch! Doch diese mussten wir uns hart erarbeiten: Zunächst ging es bergauf, bergab noch ein Stück weiter am Ohrid-See entlang, der an seinem östlichen Ufer weniger stark besiedelt, stattdessen bewaldet und felsig ist und türkisblaues Wasser in kleinen Buchten hat. Auch eine altes Fischerdorf auf Pfählen konnten wir dort entdecken. Wir waren sehr zufrieden mit unserem Entschluss, auch als wir in Richtung der Berge abbogen. Die Straße war gut zu fahren, es gab nur wenig Verkehr und die Landschaft und Fauna begeisterte uns. Bald kam der Abzweig, an dem eine Straßensperre darauf hinwies dass wir nun den Galicica-Nationalpark betreten. Der Wärter winkte uns durch, offenbar konnten wir wieder einmal vom Bikepacker-Bonus profitieren. Wir arbeiteten uns in das namensgebende Gebirge hinauf und bekamen mit jeder Serpentine mehr eine noch beeindruckendere Aussicht. Wir mussten nun 840 Höhenmeter erklimmen. Bei unserem Aufstieg lieferten wir uns ein kleines Rennen mit den Nationalpark-Baumpflegern, die immer wieder anhielten, um den Weg von herabhängenden Ästen freizuschneiden.

Auf zwei Drittel der Strecke übermannte uns der Hunger und die Kräfte ließen nach. Doch kein geeigneter Rastplatz war in Sicht, wir schleppten uns noch etwas weiter und setzen uns dann doch in den Schatten an den Wegesrand und aßen schnell einen Zuckerblock (türkisches Nougat), da kein Hühnerbein aufzutreiben war. Danach war uns zwar schlecht, aber wir hatten genug Energie für den restlichen Aufstieg. Als wir um die nächste Ecke bogen, war es wie so oft, wenn man gerade auf ungemütlichen Steinen gevespert hatte: Ein wunderbarer komfortabler Rastplatz lag dort. Immerhin konnten wir an der dort gelegenen Quelle noch unsere Wasserflaschen auffüllen. Schließlich passierten wir sogar noch ein letztes Fleckchen Schnee, das in einer schattigen Ecke tapfer der Sonne trotzte. Auf dem Pass angekommen bewunderten wir den südlich des Passes gelegenen Gipfel des Marapo (2255 m) und staunten beim Blick zurück wie wir fast senkrecht den Berg hinaufgeklettert waren. Nachdem wir den Pass überwunden und noch einmal den Ohrid-See in seiner vollen Pracht bewundert hatten, ging es auf der anderen Seite bergab Richtung Prespa-See, auch hier eine grandiose Aussicht auf See und Berge. Natürlich gefiel uns diese Aussicht viel besser, denn wir konnten sie gemütlich im Rollen bestaunen und nicht während dem mühseligen Hochstrampeln. Allerdings konnten wir diese nur 20 Minuten bewundern, bei der Auffahrt auf der anderen Seite, hatten wir vier Stunden Zeit die Aussicht zu genießen.

Wir kamen am sehr dünn besiedelten Prespa-See an, der fast so schön wie der Schwansee in Jamlitz, Brandenburg ist, damit sich jeder einmal eine Vorstellung vom gepflegten Wesen dieses Gewässers machen kann. Sogleich entdeckten wir einen wunderschönen Platz am Wasser, weit und breit keine Häuser oder Menschen in Sicht. Wir sprangen in das erfrischende Nass, aßen nochmal etwas zuckerfreies und schliefen dann erschöpft im Schatten ein. Als wir nach unserer Siesta wieder erwachten, war die Motivation heute noch ernsthaft Strecke zu machen zumindest bei Julia nicht mehr allzu hoch: Die Bergetappe lag schwer in den Beinen und das Ufer des Prespa-See war einfach wunderschön und auch prima geeignet für eine Übernachtung. Doch zunächst mussten die Wasservorräte nochmal aufgefüllt werden. Wir steuerten einen „Selbstversorger-Campingplatz“ an, der in der maps.me-Karte vermerkt war. Doch als wir dort ankamen, war gleich klar, dass hier und im naheliegenden Hotel Europa mit dem Fall des eisernen Vorhangs auch für diese weitläufige Freizeiteinrichtung der letzte Vorhang gefallen war.

Wir fragten einen Imker, wo wir Wasser bekommen könnten. Er verwies uns an ein Restaurant, dass bald kommen sollte. Doch der Weg dorthin endete vor einem verschlossenen Tor. Um zum offiziellen Eingang zu gelangen hätten wir also eine sehr große Runde drehen müssen. Als wir uns gerade ausführlich darüber ärgerten, kam ein Schäfer des Weges (ja, in Nordmazedonien wird noch traditionelles Handwerk gepflegt) und plapperte lebhaft auf uns ein. Wir zeigten auf unsere Wasserflaschen und er erklärte ausführlich, aber für uns unverständlich, was zu tun sein. Anhand seiner Handzeichen reimten wir uns zusammen, dass er uns empfahl über das Tor zu klettern und so zu dem Restaurant zu gelangen. Etwas komisch fühlten wir uns dabei schon, auf der anderen Seite angekommen gelangten wir in einen gut gepflegten Hotel-Restaurant-Garten und liefen – aus einer Richtung, aus der ja eigentlich kein Besucher kommen kann – auf einen Mitarbeiter zu. Wir stellten uns schon darauf ein, dass dieser zumindest irritiert, wenn nicht sogar etwas verärgert reagieren würde, als wir ihn nach Wasser fragten. Doch entgegen unseren Befürchtungen war dieser überaus freundlich und kein bisschen verwundert, warum wir nicht durch den normalen Eingang kamen. Wir müssen einfach noch unsere deutsche Erwartungshaltung abschütteln. Er ließ uns freie Hand an dem Wasserhahn in der Bar und wünschte uns noch einen schönen Abend.

Einem gemütlichen Abend am Prespa-See stand nun nichts mehr im Wege und wir suchten uns ein schönes Plätzchen auf dem verwilderten ehemaligen Campingplatz, wobei wir darauf achtenten, dass nicht zu viele unserer Brocken herumflackten. Wir amüsierten uns noch einmal über den Schäfer und fragten uns, was er wohl alles erzählt hatte. Ein Handzeichen hatte fast ausgesehen, als wolle er ein Ungeheuer darstellen und er hatte auch entsprechende Laute von sich gegeben. Auf unserem Weg zum Restaurant hatten wir aber keine gefährlichen Hunde oder dergleichen gesehen.

In der Nacht weckte uns ein seltsames Geräusch. Erst nach einer Weile realisierten wir, dass es sich um das intervallhafte Auftreffen kleiner Wassertropfen auf unser Außenzelt handelte. Da es nicht regnete musste da draußen wohl jemand eine Wassernummer abziehen. Dann wechselte das Geräusch plötzlich zu einem Schnüffeln und Schmatzen. Der Lautstärke nach zu urteilen musste es sich um ein ein sehr großes Tier handeln. Zum Glück hatte Julia die Lebensmittel und den Müll gut verpackt und nicht im Zelt gelagert. Nachdem das Tier nicht fündig wurde und mit „Glock…Klatsch…Glock…Klatsch“ davon trampelte, hielt es Tilmann vor Neugier nicht aus, sprang aus dem Zelt und sah gerade noch ein gehörntes Wesen mit grün fluoreszierender Schwanzflosse von ca. 6 Meter Spannweite im See verschwinden. Am nächsten Morgen sahen wir tellergroße Huf- und Watschelspuren im Schnee, die bis zu unserem Zelt und wieder zurück zum Ufer führten. Damit bestand kein Zweifel mehr, dass es sich um das Pandoriumsmonster gehandelt hatte. Mit einem mulmigen Gefühl schwangen wir uns wieder auf die Räder.

Am nächsten Morgen gesellte sich beim Frühstück ein einohriger Hund zu uns, der uns offenbar um Fisch anbetteln wollte. Wir konnten es förmlich in seinem Hundeblick ablesen: „Komm schon, gib mir den Fisch!“ Tilmann antwortete „Nein, nein, nein, du brauchst keinen Fisch“, leerte drei Tütchen Zucker in die noch mit angemessenen Resten befüllte Margarinedose und gab sie dem kleinen Strolch zum auslecken. Der war von dem Snack – immerhin zwei Drittel eines Kuchenteigs – so begeistert, dass er uns noch bis zur Straße folgte, sich dann jedoch entschied seine angestammte Heimat im Hotel Europa nicht zu verlassen.

An der Südseite des Prespa-See radelten wir durch eine weitläufige Ebene, die zum Apfelanbau genutzt wird und sich deshalb auch sinngemäß „Appel-Land“ getauft hat. Die ansässigen Obstwirte haben aber anscheinend wenig Bedarf an anderen Speisen, da wir lange an keinem Laden vorbeikamen. Unsere Vorräte gingen zur Neige, doch wir fuhren auch noch den nächsten, im Vergleich zum Vortag jedoch geradezu lächerlichen Anstieg in den Pelister-Nationalpark hinauf und rollten auf den anderen Seiten in eine weitere wunderschöne Aussicht auf das Baba-Gebirge hinab. Die Straße die mal links mal rechts parallel der Hauptstraße verlief war offensichtlich vollständig aufgegeben worden und so mussten wir uns ordentlich in Acht nehmen nicht mit herabhängen Zweigen zu kollidieren. Es ging weiter und weiter bergab und so spülte uns der Weg schließlich wie von alleine in die Stadt Bitola. Dort kauften wir hungrig (und deshalb viel zu viel) ein, begaben uns dann noch ins Zentrum und staunten über den Trubel und die ausgelassene gute Stimmung, die dort herrschte: Die Fußgängerzone mit hübschen Altbauten war gesäumt von vollbesetzten Cafés. Der gepflegte Stadtpark war gefüllt mit entspannten Menschen. Ein gut gelaunter älterer Herr sprach uns an, weil er unsere Räder feierte und war vollends verzaubert als er von Julias Heidelberger Herkunft erfuhr. Angetan von der guten Stimmung gesellte sich ein weiterer älterer Herr zu unserer Runde, merkte aber schnell, dass er weder uns noch sich selbst persönlich weiterbrachte mit seiner Einmischung.

Hinter Bitola war es nun nicht mehr weit zur Grenze. Unsere Navigations-App hatte uns einen Weg entlang der schnurgeraden Hauptstraße A3 vorgeschlagen. Als wir eine kleinere Straße die einige Kilometer weit westlich verlief wählten, gab es bezüglich des Grenzübergangs keine Bedenken seitens des Algorithmus, sodass wir diesen Weg zunächst tatsächlich einschlugen. Vor der letzten passablen Verbindung zwischen beiden Straßen fragten wir jedoch vorsichtshalber noch einmal an einem auffallend schmucken Haus mit ordentlichem Garten (Hauptsache gepflegt!) und wurden belehrt, dass der Grenzübergang nur über die A3 möglich sei. Jedoch bestand der Eigentümer der Immobilie noch darauf unsere Wasserflaschen vor unserer Weiterfahrt befüllen zu dürfen. Als wir dann wieder in die Pedale steigen wollten öffnete sich nun auch noch die Tür des Hauses vor dem wir unsere Räder geparkt hatten. Die Bewohnerin wollte uns nämlich noch eine gute Reise wünschen und drückte uns jeweils einen grünen Apfel und ein Eukalyptus-Bonbon in die Hand. Danach kamen wir über die schnurgerade und erfreulich wenig stark befahrene A3 bei strahlendem Sonnenschein im Handumdrehen zur Grenze nach Westmazedonien.

Nordmazedonien, das Land, das wir nur schnell durchfahren wollten, hatte uns wirklich in Staunen versetzt: Wunderschöne und teils unberührte Landschaften, nette, höfliche und fröhliche Menschen, gute Straßenverhältnisse mit wenig Verkehr und eine Begegnung mit dem leibhaftigen Pandoriumsmonster, was will man mehr? Da ward’ des Staunens und des Lobpreisens kein Ende!

Hier könnt ihr unsere bisher zurückgelegte Route ansehen.

Hier gelangt ihr zu unserem Instagram-Account.

10 Gedanken zu “da ward’ des staunens kein ende 🇲🇰

  1. Ein Eukalyptus-Bonbon ist sicher der ultimative mazedonische Glücksbringer für zügige Grenzübertritte!! Wofür wohl der grüne Apfel ist? 🙂 Ich wünsche Euch weiter eine wunderbare und sichere Fahrt!!

  2. Traumhafte Ausblicke und Landschaft.
    Lieben Dank für Eure Berichte!
    Viel Freude und Glück auf der weiteren Reise!

  3. Das Pandoriumsmonster, wer hätte es gedacht, lebt in Mazedonien!

    @Henke: Dann müssen wir da jetzt dich auch hin!

  4. Hallo ihr lieben. Vielen Dank für diese tollen Reiseberichte. Die Abfahrt haben wir sehr genossen. Dad seemons hätten wir auch gerne gesehen. 🥰😝mapa

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