im tal der neretva 🇧🇦

Tag 25 bis 27 (27.04. bis 29.04.22)
Distanz: 201 km (∑
2.073 km)
Höchster Punkt: 1.000 m
Tiefster Punkt: 40 m
Rauf: 2.020 m
Runter: 2.580 m

Da wir es in den vorangegangenen Beiträgen versäumt haben, möchten wir an dieser Stelle einmal unsere Verwunderung zum Ausdruck bringen, dass wir auf unserer gesamten Reise noch keine einzige Pferdekutsche gesehen haben. Spätestens in Bosnien hatten wir damit gerechnet, zumal wir dort wirklich winzige und abgelegene Dörfer durchquert haben. Tilmann erinnert sich noch an seinen letzten Rumänien-Besuch 2017, also vor fünf Jahren, wo dies auf dem Land nach wie vor ein gängiges Transportmittel war. Auch Verbotsschilder für Kutschen an Hauptstraßen haben wir nur ein oder zwei gesehen. Wir hatten Mladena (unsere Gastgeberin in Gustovara) darauf angesprochen und sie sagte, dass dies auf dem Balkan tatsächlich in den letzten 10 bis 20 Jahren ausgestorben sei, was uns doch (vgl. Rumänien) wundert. Offenbar ist der Wohlstand hier insgesamt höher als allgemein angenommen.

Nachdem wir einen Tag in aller Gemütlichkeit zu Fuß und ein wenig per Straßenbahn Sarajevo erkundet hatten, brachen wir nach Mostar auf. Da es bis dort etwa 130 km waren, planten wir zwei Tage ein bzw. wollten am zweiten Tag bis kurz vor Mostar fahren, wo wir geplant hatten bei Bambi zu übernachten, den wir mal wieder über warmshowers aufgetan hatten.

Vom Hostel aus verließen wir den Talkessel von Sarajevos Innenstadt schnell in Richtung Südwesten und erhielten so nach kurzer Zeit noch ein paar spektakuläre Ausblicke auf die Stadt des Attentats auf Franz Ferdinand 1914 bzw. die Stadt der Olympischen Winterspiele 1984 bzw. die Stadt der 1.425 tägigen Belagerung während des Bosnien-Krieges zwischen 1993 und 1995.

Sarajevo ist übrigens wirklich eine sehr sehenswerte Stadt. Das sagenumwobene Nachtleben durften wir zwar nicht erleben, können einen Besuch (wenn man schon einmal auf dem Balkan ist) aber in jedem Fall empfehlen.

Wir nahmen Kurs auf den Flughafen der Stadt, um das Tunnel-der-Hoffnung-Museum zu besuchen. Es wurde an der Stelle neben dem Flughafen errichtet, wo das eine Ende des Versorgungstunnels (im von den Serben kontrollierten Gebiet) lag, über den sämtliche Versorgungsgüter für die Stadt während der 1.425-tägigen Belagerung gebracht wurden. Über diesen Tunnel wurden während der Belagerung die 350.000 Einwohner*innen von Sarajevo am Leben gehalten. Dort kamen wir mit einer New-Yorkerin ins Gespräch, die gerade einen ganzen Monat in Bosnien verbracht hatte und wirklich das ganze Land gesehen hatte. Banja Luka hatte ihr nicht gefallen.

Nun stand uns ein letzter großer Anstieg bevor, um in die Herzegowina zu gelangen. In Blazuj mussten wir ein kurzes Stück auf der Autobahn fahren, was auch komoot so vorgesehen hatte. Wir hielten das für einen Irrtum, aber der Wächter am dm Zentrallager (das wir als Ausweichroute vorgesehen hatten) wies uns ab und bedeutete uns wir müssten nur ordentlich in die Pedale treten, dann sei es kein Problem. Nach ca. 500 m war der Spuk dann auch zunächst wieder vorbei. Leider hatte sich unsere Navigations-App dann jedoch tatsächlich geirrt und wir fuhren in ein abgesperrtes Gelände. Nach einigem Hin- und Hergeirre rund um den Mostarsko Raskrsce (Kreisverkehr), schafften wir es dann schließlich doch auf die kaum befahrene Parallelstraße der M-17 Richtung Mostar abzubiegen. Glücklicherweise war es noch recht früh am Tag und wir noch nicht erschöpft, sodass uns dieses ca. 20-minütige Intermezzo nicht allzu sehr stresste.
Ein Radfahrer riet uns ab die M-17 zu befahren und lieber über den Džamija, was allerdings eine Höhe von 1.200 m bedeutete und er war sich selbst nicht sicher ob dort oben nicht noch Schnee läge. Unser Plan war allerdings ohnehin nur abschnittsweise die Hauptstraße zu nutzen und soweit wie möglich auf dem parallel verlaufende Nebenstraßennetz zu fahren. Das funktionierte ziemlich gut, auch wenn wir dazu wesentlich höher aufsteigen mussten und über den Gipfel des 955 m hohen Ivan-sedlo fuhren während ihn die Hauptstraße knapp 100 m tiefer untertunnelt. Danach ging es appi dappi vollgas in die Herzegowina. Zunächst stießen wir ins Tal der Tresanica hinab, die in Konjic in die Neretva mündet. Es ging steil abwärts, als sich uns kurz hinter Bradina ein spektakulärer Ausblick präsentierte, nachdem die Straße einen kurzen Tunnel durchquerte. Wir blickten auf die bewaldete Schlucht vor uns über der der schneebedeckte Gipfel des Džamija (1965 m) thronte. An den Hängen zogen sich kleine Dörfer mit rotgeziegelten Dächern empor. Dass der Weg von Sarajevo nach Mostar spektakulär schön sein solle hatten wir bereits mehrfach gehört und dachten in dem Moment „ah, so sieht es also dort aus, wo das Land wirklich schön ist“, da schon dieser Anblick alle Natur-Eindrücke der vergangen Tage weit in den Schatten stellte. Wir ahnten nun, dass die kommenden Tage uns noch einige solcher Highlights mehr bescheren würden.

Auf dem Weg Richtung Konjic prangten alle paar Meter Hinweisschilder mit Angeboten für Rafting an der Straße und es wurde klar, dass wir nun in einer touristisch wirklich relevanten Region angekommen waren.
Dort angekommen bewunderten wir die Stari most (Alte Brücke), deren Fundamente auf die Römerzeit zurück gehen, über die fast unwirklich türkisne Neretva und Tilmann kaufte einige Lebensmittel ein während sich Julia im Straßencafé eine Cola gönnte. Da wir in Sarajevo relativ spät aufgebrochen und im Tunnel-Museum einige Zeit verbracht hatten, war die Uhr nun bereits deutlich vorangeschritten und wir begannen uns über ein Nachtlager Gedanken zu machen. Kurz vor dem Jablanicko-See schlug uns komoot vor auf die Hauptstraße westlich der Neretva zu wechseln, da dies auf dem Weg nach Mostar die kürzere Distanz war. Zunächst folgten wir der Empfehlung, nachdem wir aber bereits nach 50 Metern zweimal von LKWs angehupt worden waren (man muss das hier als „Achtung ich komme, also mach Platz“ verstehen), kehrten wir kurzerhand um und wechselten zurück auf die andere Flussseite. Dies erwies sich als die richtige Wahl und schon nach wenigen Kilometern fanden wir ein verlassenes Grundstück auf dem wir mit Erlaubnis des Nachbarn („You one, two? One night? OK!“) unser Zelt nach insgesamt gut 70 km an diesem Tag aufschlugen. Nach einer frisch gekochten Gemüsesuppe (der neue Kombi-Kocher kann einiges!) krabbelten wir guter Dinge in unser Zelt.

Am nächsten Morgen hatte sich der Himmel etwas zugezogen, aber es war nach wie vor deutlich wärmer als die vorangegangenen Tage. Bald erreichten wir den Jablanicko-See, kurz nachdem wir die Neretva diagonal über eine abenteuerliche Eisenbahnbrücke gequert hatten. An der nächsten Tankstelle deckten wir uns mit frischem Wasser und offenem WiFi ein und informierten unseren nächsten Host über die geplante Ankunft am frühen Nachmittag.
Die Straße verließ dann zunächst den Jablanicko-See bzw. die Neretva und stürzte sich mit großem Gefälle herunter in das Städtchen Jablanica, wo wir wieder auf die, inzwischen offenbar durch Wasserentnahme im Stausee deutlich geschrumpfte Neretva stießen. Der Anblick von der Brücke in die tief eingeschnittene Schlucht war atemberaubend. Am Ende des Städtchens Jablanica entdeckten wir auf ein Mahnmal, in Form des (vermutlich Nachbaus) der im Kampf an der Neretva 1943 gesprengte Eisenbahnbrücke, die in zwei Teile Gebrochen im Fluss liegt. Im angrenzenden Museum zeckten wir uns erneut ins W-LAN ein, da wir Kinder unserer Zeit sind und unsere Instagram-Follower bei Laune halten wollen. Nun schnitt sich der Fluss immer tiefer in das Tal, die bewaldeten Hänge zu beiden Seiten Flusses rückten enger zusammen, wuchsen in die Höhe und verloren dabei ihre Vegetationsdecke, um sich in schroffe Felsen zu verwandeln. Das Tal war nun so eng, dass die Straße immer wieder durch Tunnel gelenkt werden musste.

Die Landschaft war atemberaubend schön und wir kamen aus Bewunderung und Staunen nicht mehr heraus. Einziger Wehmutstropfen war, dass es nun freilich keine Möglichkeit mehr bestand von der Hauptstraße auszuweichen, sodass wir fortwährend von Reisebussen, Lastwagen und natürlich Pkws überholt wurden. Das war, aufgrund der wirklich überwiegend rücksichtslosen Fahrweise ziemlich anstrengend. Besonders unangenehm war es in den vielen Tunnel, die größtenteils zum Glück nur etwa ein- bis zweihundert Meter lang waren. Während Tilmann es zunächst noch versuchte gelassen zu nehmen, verging auch ihm zum Ende der Etappe hin die Gemütsruhe und er machte seinem Ärger nach dem ein oder anderen waghalsigen Überholmanöver deutlich Luft, wahrscheinlich ohne dass davon der oder die Angesprochene wirklich Notiz nahm. Zahlreiche blumenbehangene Erinnerungssteine mit Fotos der Verstorbenen an den Straßenrädern trugen nicht gerade zur Entspannung bei. Julia war froh, dass sie sich in Bratislava (nicht in Wien) schließlich doch einen Fahrradhelm (und eine Radlerhose) gekauft hatte.

Als wir auf einer inzwischen augenscheinlich ungenutzten Zufahrtsstraße zu einem Wasserkraftwerk eine Pause für ein zweites Frühstück einlegen wollten und gerade begonnen hatten auf dem frisch belegten Fladenbrot herumzuknabbern, wurden wir von einem Sicherheitsmann jäh in unsere Mußestunde gestört, denn es galt das Tor, das wir durchfahren hatten nach abgeschlossenen Montagearbeiten wieder zu schließen. Wir verlegten also die Pause auf die nächst beste Gelegenheit, wo wir noch wilden Thymian für unser Abendessen und unseren Gastgeber ernteten.

Nach einem letzten Tunnel hatten wir die Schlucht unvermittelt hinter uns gelassen und die Landschaft öffnete sich. Der Anblick war jedoch nicht minder spektakulär, denn nun blickten wir wieder auf schneebedeckte Berge, die über der Ebene thronten. Dann war es nicht mehr weit und nach insgesamt nur knapp 60 km erreichten wir bereits gegen 13 Uhr unser heutiges Ziel.

Unser Gastgeber hatte uns geschrieben, dass an der Straße ein Hinweisschild zu seinem Reich stünde, dass wir auch zielsicher entdeckten. Wir wussten bereits, dass Bambi, so sein Spitzname, dort mit drei Katzen, zwei Hunden und einigen Schildkröten lebte und sich auf dem großen Grundstück, auf dem er einige eher provisorische Hütten errichtet hatte, in Permakultur übte.

Unser erster Eindruck war etwas ernüchtert, denn auf dem Gelände lagen wahllos irgendwelche überwiegend defekten Dinge herum, wie zerbrochene Plastikstühle, leere Blechdosen und Folienstücke, es herrschte ein eher unansehnliches Chaos. Tilmann, der ja ohnehin aktuell noch viel Wert auf schnelles Vorankommen legt, ging durch den Kopf, dass man aufgrund der noch frühen Tageszeit nicht unbedingt bleiben müsse und hier auch einfach nur eine Mittagspause einlegen könnte.

Nach einem „Dobre dan?“ begrüßten uns zunächst die beiden Hunde mit lautstarkem Gebell, dann kam schließlich auch Bambi hinter einem Kühl-Container hervor. Er hatte an der rechten Hand seinen Zeige- und Mittelfinger aneinander liegend ausgestreckt, den Daumen abgewinkelt und den Ring- und kleinen Finger angewinkelt. Zu Begrüßung sagte er: “ Ah, it’s just you guys. Then I will put my gun anway.“ Die New Yorkerin, die wir am Vortag im Tunnel-Museum getroffen hatten, hatte über den einen Host in Mostar gesprochen als „the guy, who lives in a fridge.“ Wir waren davon ausgegangen, dass wir uns da verhört hatten, aber Bambi erklärte uns nun dies sei sein Tiny-Haus, in dem er lebte. Wir hatten als doch richtig gehört. Seine offene und freundliche Art ließ uns unsere Zweifel schnell vergessen und obwohl er offensichtlich gerne sprach, ließ er uns schnell unser eigenes Ding machen, da er aufgrund einer Zahnbehandlung mit Narkose, die erst einige Stunden zurück lag, ein wenig neben der Spur sei. Trotz seiner Nähe zur Hauptstraße und der eigenwilligen Pflege durch den Bewohner, war es auch ein wirklich schönes Fleckchen Erde in der Übergangszone zwischen kontinentalem und mediterranem Klima mit direktem Blick auf den 1.747 Meter hohen Brasina, der mit schneebedecktem Gipfel die Szenerie überwachte.
Wir hatten nun endlich mal Zeit und Platz um uns in aller Ruhe um unsere Räder zu kümmern, die wir gründlich putzten, die Kette ölten und gelockerte Schrauben nachzogen. Anschließend putzten wir unser Zelt, spannten in Bambis Oliven-Hein zum ersten Mal auf diesem Trip unsere Hängematte auf und widmeten uns unserem Blog. Nachdem wir am Abend gekocht hatten, setzten wir uns mit Bambi in seinen neuen VW-Bus und er zeigte uns zunächst stolz seine heutigen Einbauten und fragte uns nach unserer Meinung. Danach quatschten wir noch bis tief in die Nacht über Permakultur, Aliens, das wenige Wissen das wir Menschen über die Welt haben, das horten von Dingen, die Belagerung von Sarajevo, die Adoption von streunenden Tieren, seine Pläne demnächst mit seinem Bully in den Wald zu ziehen, Peter Wohllebens „Das geheime Leben der Bäume“. Eigentlich redete überwiegend unser Gastgeber, was uns aber nichts ausmachte, denn er hatte eine unterhaltsame und lustige Art seine Gedanken rüber zu bringen und es machte Spaß ihm einfach nur zu lauschen. Besonders interessant fanden wir seine Aussagen zum Krieg und er Belagerung von Sarajevo, da diese Ereignisse die Menschen teilweise auch positiv geprägt hätten. So wäre der Zusammenhalt der Bevölkerung gestärkt worden und die Menschen hätten (im Rahmen des Möglichen) gelebt, als ob es kein morgen gäbe. Wir übernachteten in der unglaublich zugerümpelten Gästehütte und Tilmann schlief mit dem Gedanken ein, dass es irgendwann auch schön wäre, sich ein Stück Land zu nehmen, auf dem man machen könnte was man will z.B. auch weniger Schrott darauf zu lagern.

Am nächsten Morgen halfen wir Bambi noch beim weiteren Ausbau seines Bullys. Seine Verwendung von recyceltem Kiefernleimholz und sein Wunsch nach Lob für die daraus mit Einsatz vieler Schrauben gezimmerten passgenauen Möbelstücke erinnerte uns ein wenig an Tilmanns Vater. Er empfahl uns für den weiteren Weg an die Adria einen Fernradweg von Mostar nach Trebinje, der auf einer stillgelegten Bahnstrecke verläuft und der auch einen Abstecher fast bis nach Dubrovnik macht. Zwar hatten wir unsere Route (zufällig) teilweise ohnehin schon auf diesem Weg geplant, wir ahnten aber noch nicht, was uns auf diesem Weg erwarten sollte und wie wertvoll dieser Tipp war. Wir verabschiedeten uns herzlich mit dem Gefühl einen echten Freak kennen und schätzen gelernt zu haben. Wer mal in der Nähe von Mostar eine Unterkunft sucht, sollte unbedingt vorbei schauen (und das Chaos einfach ignorieren). Er nimmt jeden auf: https://www.google.com/maps?cid=9412868559118174535&hl=en&gl=gb&shorturl=1

Nun fuhren wir also noch wenige Kilometer bis Mostar, mussten in der verwinkelten Altstadt aber sogleich absteigen, weil das Kopfsteinpflaster unbefahrbar ist. Schon bald erreichten wir das berühmte Wahrzeichen der Stadt, Stari Most (Brücke über die Neretva), die nach ihrer Zerstörung im Krieg zwischen 1995 und 2004 wiederaufgebaut worden war. Wie nicht anders zu erwarten, wurden wir von Touristenhorden überrollt und hatten selber Mühe unsere Räder am Rollen zu halten. In Mitte der Brücke war gerade ein Mann im Neoprenanzug über das Geländer gestiegen, hielt die slowenische Flagge in der Hand, die stolz im Wind flatterte und rief nach Art eines Marktschreiers nach Aufmerksamkeit. Sein Kompagnon lief derweil zwischen den aufmerksamkeitsökonomisch erfolgreich eingefangenen Touristen hin und her um Geld zu sammeln. Es war natürlich klar was geschehen sollte: Der Marktschreier im Taucheranzug beabsichtigte zur Volksbelustigung die 20 Meter in die Neretva herabzuspringen und erwartete dafür eine monetäre Gegenleistung. Da wir mit den Rädern da waren und inzwischen mehr wie Landstreicher, als wie zahlungskräftige Mitteleuropäer aussehen, wurden wir wohl glücklicherweise vom Geldeinsammler nicht beachtet. Zwischendrin prüften die beiden gemeinsam einige Male den Inhalt des Klingelsacks, bevor dieser offenbar ausreichend gefüllt war. Der Sprung selbst war für Tilmanns Geschmack (Julia hatte sich inzwischen bereits Gelangweilt abgewendet) aber recht unspektakulär; ein Kopfsprung hätte schon drin sein können.

Wir streiften noch ein wenig durch die Stadt, hatten aber bald genug von Souvenirgeschäften und Touristenmassen und machten uns bald wieder auf den Weg, obwohl das Ensemble von Häuschen, Terrassen, Gassen, Brücken und Fluss natürlich wirklich wunderschön und vollkommen zu recht ein so beliebtes Ziel ist. Das ist eben der Fluch der außergewöhnlich pittoresken Orte, sofern sie einigermaßen komfortable zu erreichen sind.

Wir fuhren jedoch nicht gleich auf dem Eisenbahn-Radweg (ein absoluter Geheimtipp für Radreisende!) weiter, da wir noch einen Abstecher zu einem alten Derwisch-Kloster in Blagaj vorgesehen hatten. Dazu mussten wir ein wenig die Hänge am östlichen Rand des Neretva-Tals herauffahren, was uns noch einmal einen schönen Ausblick auf Mostar und einen fast unwirklichen Blick auf den südlich gelegenen Flugplatz bescherte. Unterwegs trafen wir auf eine Schildkröte, der wir in Skepsis der Standhaftigkeit ihres Panzers gegenüber bosnischen Autoreifen, über die Straße halfen.

Das Kloster bot uns den nächsten „Ohmeingottwieschönistdasdenn“-Moment. Es kauert sich an einen Felsen direkt neben der Karstquelle der Buna, die sich als eine der stärksten Karstquellen in Europa mit einer Schüttung von gewaltigen 43.000 Liter pro Sekunde aus dem Berg ergießt. Sogleich rauschen, sprudeln und gurgeln die Wassermassen über teils natürliche Felsen und teils angelegte Treppen und Terrassen, verzweigen sich in gemauerten Kanälen und machen sich auf ihren nur 9 km langen Weg bis zur Mündung in die Neretva. Heute sind rund um die Quelle keine Mönche mehr emsig bei der Arbeit, sondern haben sich Restaurants und Cafés angesiedelt. Der Zuschauerandrang war aber noch moderat und wir erkundeten das Areal in aller Ruhe. An einem schwer zu erreichenden Fleckchen im Schatten direkt am Wasser legten wir ein zweites Frühstück ein.

Schwer beeindruckt folgten wir nun der vom Navigationssystem vorgeschlagenen Route mit dem Verlauf der Buna zurück Richtung Neretva und mussten uns wegen der idyllischen Landschaft an ihrem Ufer zusammenreißen, um nicht direkt schon wieder eine Pause einzulegen. An der Mündung der Bunica in die Buna wurden wir doch unvermittelt zum Anhalten gezwungen, da komoot hier leider nicht mehr auf dem aktuellen Stand war (wobei dieser Zustand schon lange nicht mehr aktuell sein kann, sondern schon eher traditionell war). Der zur Überfahrt über die Bunica vorgesehene Damm war an mehreren Stellen unterbrochen und eine Überfahrt daher unmöglich.

Ein schnelles Kartenstudium brachte die ernüchternde Gewissheit, dass es keine Alternative zu einer Rückkehr nach Blagaj gäbe. Unsere Begeisterung nahm eine kurze Auszeit und wir machten uns auf den Weg. Schon nach wenigen hundert Metern entdeckten wir jedoch eine unbefestigte Fuhrt durch die an dieser Stelle etwa 40 Meter breite Bunica, die mit einem tauglichen Geländewagen sicherlich befahrbar war, nicht jedoch mit unseren Rädern. Nach kurzer Abwägung der Vor- und Nachteile und einem Testlauf entschieden wir uns die Taschen von den Rädern zu nehmen, zunächst diese durch den Fluss zu tragen und im Anschluss die Räder. Gesagt getan und auch wenn dieses Unterfangen wahrscheinlich insgesamt fast genau solange gedauert hatte, wie die Umfahrung waren wir sehr zufrieden mit unserer Entscheidung und damit dieses kleine Abenteuer gemeistert zu haben. Mit der Notwendigkeit zu solchen Manövern hatten wir frühestens im Pamir gerechnet, das allerdings eigentlich auch gar nicht auf unserer Route liegt. Nun fuhren wir also endlich auf dem besagten Fernradweg und waren begeistert von dessen gutem Zustand, von der nach wie vor hinreißenden Landschaft und vor allem, dass wir diesen fast exklusiv für uns hatten. Radfahrer*innen gab es, wie auch sonst im ganzen Land, keine und auch nur außerordentlich wenige Autos, die sich allesamt sehr vernünftig und fair verhielten, teilten die Route mit uns. Nach den traumatischen Erlebnissen es Vortags war das traumhaft.

In Caplinja verließen wir den Radweg noch einmal, da wir noch einen Abstecher zu den Kravica-Wasserfällen, als vermeintlich letztes großes Highlight in Bosnien machen wollten. Dorthin gelangte man jedoch wieder nur 12 km bergauf über ein Hauptstraße. Nach etwa zwei Kilometern hatten wir die Nase voll und entschieden uns, schon wieder reichlich genervt und in der Aussicht auf dem Radweg wieder in die liebgewonnene Harmonie zurückkehren zu können, uns dieses Attraktion für einen späteren Besuch in Bosnien bzw. die Rückfahrt in einem Jahr aufzusparen.

Beim Örtchen Dracevo verließen wir den Verlauf der Neretva endgültig und schlugen unser Nachtlager bald in einem Olivenhain auf.

Hier geht es zu unserem Instagram-Account:

https://www.instagram.com/appi.dappi/


Soviel zunächst wieder zu den Geschichten vom Dachboden. Wer noch einen weiteren Beweis sucht, dass wir das nicht alles wirklich erleben sondern unserer Phantasie entspringt, der sollte sich unter Weg mal ganz detailliert unsere angeblich absolvierte Strecke anschauen. Wir geben vor mit GPS zu tracken. Wer sich da ein bisschen auskennt der weiß, dass Apps wie komoot bei einer Tagesetappe von sagen wir 80 km etwa 5.000 bis 6.000 GPS-Positionspunkt abspeichert. So wird die Route inkl. allen kurzen Abstechern zum Supermarkt oder kürzesten Verfahren detailliert nachvollziehbar und die getrackte Linie liegt exakt auf der jeweiligen Straße. Das sieht dann z.B. so aus:

Eine tatsächlich getrackte Route (Sommerradtour 2021)

Wir hingegen denken uns die Route nur aus und ziehen ganz grobe Linien ohne viel Liebe fürs Detail mit der entsprechenden Funktion bei Google Earth (die Mühe mit einem richtigen GIS-Programm zu arbeiten machen wir uns nicht). Im Ergebnis sieht das dann z.B. so aus, schaut selbst nach:

Eine schlampig ausgedachte Route mit geringer Auflösung, sodass die Route nicht exakt dem Verlauf der Straße folgt.

4 Gedanken zu “im tal der neretva 🇧🇦

Hinterlasse einen Kommentar