südwärts 🇦🇹🇭🇺🇭🇷

Tag 14 bis 19 (16.04. bis 21.04.22)
Distanz: 562 km (∑
1.617 km)
Höchster Punkt: 290 m
Tiefster Punkt: 130 m
Rauf: 3.370 m
Runter: 3.420 m

Am Samstag den 16. April verließen wir planmäßig den Lauf der Donau, um Richtung nördliches Burgenland, also zurück nach Österreich, aufzubrechen. Den Neusiedler See ließen wir rechts liegen und bewegten uns überwiegend auf dem Europa-Radweg Eiserner Vorhang. Erneut erlebten wir unfassbar starken Wind, allerdings hatte dieser glücklicherweise gedreht und katapultierte uns somit im Handumdrehen zu unserem Tagesziel nach Pamhagen (AT) direkt an der Grenze zu Ungarn. Der Weg führte uns naturgemäß nicht ständig exakt gen Süden, sodass es bei einigen der Zick-Zack-Passagen durch endlose Felder mal wieder zu absurden Gegenwind-Intermezzos kam, die uns fast zum Anhalten zwangen. Bei einem kurzen Abstecher zum Dreiländereck Österreich, Slowakei, Ungarn trafen wir auf eine Gruppe ungarischer Radtouristen, die sich gar nicht mehr einkriegten, als wir von unseren Reiseplänen bzw. der bereits hinter uns liegenden Etappen berichteten. Ungefragt landeten wir auf einigen Fotos und fühlten uns ein bisschen wie eine Zirkusattraktion.
Das österreich-ungarische Grenzgebiet wurde einigermaßen engmaschig vom Militär überwacht. Das Motiv war klar: Bei Nickelsdorf-Kleylehof trafen wir auf eine am Straßenrand lagernde Gruppe junger geflüchteter Männer, die uns anhielten und uns um Hilfe baten, allerdings konnten sie nicht genauer benennen, wie wir ihnen helfen könnten. Sie wollten nach Wien und baten immer wieder, dass wir doch „just one minute“ warten sollen. Da wir ihnen nicht bei der Weiterreise mit unseren Fahrrädern helfen konnten und etwas skeptisch waren, was sich eine Minute später daran geändert haben sollte, waren wir etwas ratlos und fürchteten auch, dass sich die Situation eventuell noch wandeln könnte, als sich der Wortführer so vor uns stellte, dass es den Anschein machte er wolle uns an der Weiterfahrt hindern. Doch die jungen Männer waren friedlich und wussten wahrscheinlich selbst einfach nicht, wie sie weiter vorgehen sollten. Deshalb verabschiedeten wir uns relativ schnell wieder voneinander. Unmittelbar im Nachhinein bereuten wir, dass wir ihnen nicht zumindest eine Schokolade oder Wasser gegeben hatten. Als wir um die nächste Kurve bogen, beobachteten wir, wie ein Hubschrauber sich näherte und genau über dem Standort der Gruppe am Himmel stehen blieb. Wir fragten uns, wie sich ihr Schicksal nur entwickeln würde.
Abends nächtigten wir in Pamhagen, direkt an der ungarischen Grenze gelegen. Diese Gelegenheit hatten wir erneut über warmshowers.org organisiert. Unser Gastgeber war zum Zeitpunkt unserer Ankunft nicht zuhause, hatte uns jedoch zugesagt, dass wir einfach auf sein Grundstück gehen und unser Zelt in seinem Folien-Tunnel aufstellen könnten. Da uns der Wind den ganzen Tag um die Ohren gefegt war, waren wir ziemlich durchgefroren. Zum Glück konnten wir uns auf der geschlossenen Veranda aufhalten, wo wir uns endlich mal ein bisschen mit der Räderpflege beschäftigten. Später trafen wir noch den Onkel unseres Gastgebers, den eigentlichen Hausherren, dem unsere Ankunft zwar angekündigt worden war, der sie allerdings vergessen hatte und daher einigermaßen erstaunt war. Er kochte uns einen Tee und wir plauderten ein wenig, während wir uns in seiner Stube aufwärmten. Unseren Gastgeber trafen wir erst am nächsten Morgen, am Ostersonntag und Tag 15 unserer Reise, als er mit uns einen Kaffee trank und uns noch einige Tipps für unsere Balkan-Tour gab, da er wenige Wochen vorher eine große Runde bis über Rumänien, Serbien und Bosnien gedreht hatte um Berg zusteigen. Dass er am höchsten Berg Rumäniens, dem Moldoveanu (2.544 Meter), wegen 2 Meter hohem Schnee gescheitert war wunderte uns wenig.

Wir brachen also nach Ungarn auf mit dem Ziel das Land in seinem äußersten Westen geradewegs von Nord nach Süd zu durchqueren. Wir hatten uns auf eintönige intensiv genutzte Agrarlandschaft eingestellt und waren daher überrascht wie abwechslungsreich sich die Gegend tatsächlich darstellte und wie extensiv dort offenbar noch Landwirtschaft betrieben wird. In Fertöd warfen wir einen Blick auf das Rokokoschloss der früheren Fürsten Esterházy. Mit moderatem Rückenwind machten wir Kilometer um Kilometer in der lieblichen Landschaft und kamen ohne größere Zwischenfälle bis nach Vindornyafok im Komitat Zala. Als wir dort einen Platz suchten, um unser Zelt aufzuschlagen trafen wir auf eine achtköpfige ungarische Familie, die uns ihren, am Hang eines Hügels oberhalb ihrer Datsche aufgestellten Wohnwagen für die Nacht anboten. Die Mutter sprach ein wenig Deutsch, allerdings gestaltete sich die Sache kommunikativ doch relativ schwierig. Als es dann darum ging, wie mit dem Schlüssel verfahren werden solle (sie waren gerade im Aufbruch begriffen) wurde es uns doch zu kompliziert und wir lehnten dankend ab. Wir durften das Zelt aber ein wenig unterhalb aufstellen, was uns noch kurz vor Einbruch der Dunkelheit gelang. Nun fiel die Temperatur rapide, sodass wir in der zur Verfügung gestellten Feuerschale noch schnell ein Feuer entfachten während wir das Abendessen zubereiteten. Der pinke Mond ging zwischen den Obstbäumen auf und uns stand eine eisige Nacht bevor.

Am nächsten Morgen bemerkten wir, dass sich auf der Innenseite des Außenzeltes Frost gebildet hatte! Wir tranken schlotternd noch einen Kaffee, schluckten schnell unser Frühstück und sahen bereits gegen 7 Uhr zu, dass wir in Bewegung kamen, damit uns endlich warm wurde. Nach ein paar Kilometern fiel uns auf, dass wir bei unserer Ungarn-Durchquerung werde einen Besuch von Budapest (was scheinbar jeder grundsätzlich unterstellt) noch eine Visite des Plattensees vorgesehen hatten. Da dessen Westufer jedoch nicht weit war, entschieden wir uns in Héviz spontan nach Keszthely abzubiegen, um dem Meer der Ungarn die Ehre zu erweisen. Dort prangt ein prächtiges Schloss oberhalb der Stadt, aber wir waren noch weit vor den Öffnungszeiten dort. Auf dem Weg zurück zur ursprünglichen Route, die uns über die einzige Straße durch den zutrittsbeschränkten Nationalpark Kis-Balaton führen sollte, versuchten wir über eine Abkürzung eben jenen Nationalpark direkt zu durchqueren. Nachdem wir bereits einige Kilometer in diesen vorgedrungen waren, erspähten wir am Horizont einige Autos und ahnten bereits Böses. Zu Recht, denn ein Ranger trat uns in den Weg. „Stop, Visa, Police, bezahlen, zurück!“ machte uns klar, dass hier keine Diskussion möglich war und wir zähneknirschend den Rückweg antreten mussten. Das bescherte uns einen gehörigen Umweg.

Auf dem Weg Richtung Nagykanizsa (Großkirchen) im Zentrum des gleichnamigen Kreises durchquerten wir Zalakomár. Am Ortseingang hatten sich, wie am Zustand der Häuser und Höfe unschwer zu erkennen war, überwiegend Sinti und Roma angesiedelt. Zwar war dieser Teil des Ortes optisch nicht besonders ansprechend, aber wenigstens war hier endlich einmal etwas los. Viele Menschen saßen bei voll aufgedrehter Musik vor ihren Häusern und Kinder spielten ausgelassen neben und auf der Straße. Bisher waren uns die Dörfer alle recht ausgestorben erschienen, was trotz guten Wetters aber auch mit den Osterfeiertagen zusammen gehangen haben kann. Im Laufe des Nachmittags war es dann allerdings mit dem guten Wetter vorbei und Regen setzte ein. Da es sich bald richtig eingeregnet hatte, gaben wir unsere Pläne auf noch am selben Tag die Grenze nach Kroatien zu überqueren und erneut zu zelten und versuchten stattdessen noch im Komitat Somogy eine Unterkunft zu finden. In dieser relativ dünn besiedelten und touristisch wenig bedeutsamen Gegend war das allerdings nicht so einfach. Wir fragten unterwegs in mehreren Kneipen und in der letzten klappte es nach einigen Telefonaten schließlich doch noch mit einer privaten Unterkunft in Zákány. Diese war offenbar für Arbeiter auf Montage konzipiert und war auch seit der letzten Nutzung nicht mehr anständig gereinigt worden. Dafür war der Preis deutlich zu hoch, aber da der Kontakt nur über Ecken zustande gekommen war, war auch eine Verhandlung über den Preis nicht mehr möglich. Immerhin ging die Heizung und wir waren froh einen trockenen und warmen Platz für die Nacht zu haben. Da wir vor den Feiertagen versäumt hatten genug Vorräte zu kaufen und sich tatsächlich seit Samstag Nachmittag keine Gelegenheit geboten hatte noch etwas aufzutreiben, wurden wir erfinderisch, gingen auf der Wiese hinter dem Haus Löwenzahn ernten und kochten uns daraus eine schmackhafte Suppe.

Die Wettervorhersage für den den nächsten Tag trübte allerdings unsere Stimmung erneut: von früh bis spät Regen. Bis 10 Uhr traf das auch zu, dann allerdings klarte es etwas auf und wir wagten den Aufbruch in den Norden Kroatiens. Da Kroatien zwar zur EU, nicht jedoch zum Schengen-Raum gehört, erlebten wir bei unserem fünften Grenzübergang (Berzence – Gola) tatsächlich auch erstmalig eine echte Kontrolle, die allerdings erfrischend kurz blieb, da vor uns nur ein Auto war. Wir befanden uns nun im „Amazonas Europas“, dem Unesco-Biosphärenpark Mur-Drau-Donau. Der Unterschied zu Ungarn war direkt deutlich: wir durchfuhren viele kleine Dörfer, die den Anschein erweckten, dass deren Einwohner*innen noch überwiegend von Subsistenzwirtschaft lebten. In allen Höfen schnatterte und krähte es rund um die einfachen Behausungen, die jeweils von mehreren Tschardaken (Maisdarren) gesäumt waren. Kaum waren wir auf die erste Hauptstraße eingebogen, da kam uns ein Hund entgegengeschossen, der wiederum einen Trecker verfolgte. Offenbar erkannte er in uns jedoch eine leichtere Beute, ließ von dem Traktor ab und eilte nun uns kläffend und schnappend hinterher. Einige Fußtritte in seine Richtung reichten jedoch glücklicherweise um ihm wieder dem Schlepper nachjagen zu lassen. Leider war aber auch an diesem Tag das Wetter nicht beständig und so fuhren wir im strömenden Regen auf der Hauptstraße in das etwa 40.000 Einwohner*innen große Bjelovar ein, wobei wir ohne Rücksicht auf Verluste im Abstand von wenigen Zentimetern von Lkws und Transportern überholt wurden. Im ansehnlichen Zentrum, rund um den Eugen-Kvaternik-Park suchten wir uns zunächst ein Café. Der Kaffee war sehr lecker und hellte unsere Stimmung auf und wir überlegten, wie es weiter gehen soll: Schon wieder ins Hotel, oder Appartement oder Zähne zusammenbeißen, weiterfahren und eine Nacht im Regen zelten? Zumindest wollten wir einmal im einzigen Hotel des Ortes „Hotel Central“ nach dem Preis fragen. Dieser erwies sich als deutlich zu hoch und auf ein Handeln konnte sich die nette Rezeptionistin nicht einlassen, sodass wir mit mäßiger Laune die Lobby wieder verließen. Etwas ratlos standen wir noch eine Weile unter dem Vordach des Hotels, um zumindest regengeschützt zu diskutierten was zu tun sei bzw. malten uns schon die Unannehmlichkeiten der kommenden Nacht aus. Das hatte offenbar Wirkung. Die Rezeptionistin holte uns wieder herein, erklärte uns sie habe mit einem Kollegen gesprochen und würde uns gerne für den halben Preis in einem Einzelzimmer mit Doppelbett einquartieren. Überglücklich nahmen wir an und freuten uns über unsere unbeabsichtigte aber geglückte Inszenierung.


So, auf unserm Dachboden ist es inzwischen etwas langweilig geworden, daher haben wir uns diesmal mehr für unser Reisetagebuch ausgedacht. Darüber haben wir dann wiederum die fotodokumentarische Aufbereitung unserer Fälscherwerkstatt vernachlässigt. Beim nächsten Mal zeigen wir euch auch wieder etwas von „Hinter den Kulissen“.

7 Gedanken zu “südwärts 🇦🇹🇭🇺🇭🇷

  1. Herrlich! Bestimmt seid ihr unbewusst an Herrn Horvath vorbeigekommen, der 2004 kettenrauchend vor unserem Auto auf unser Erwachen gewartet hatte, um uns ein Ferienhaus zu vermieten, das ihm nicht gehörte. Aber das ist eine andere Geschichte… Es macht Spaß Euren Blog zu lesen, bitte weiter so!

  2. Auch wenn mir vor lauter Arbeit wenig Zeit bleibt, schaue ich ab und zu gerne in euren Reisebericht. Was für ein Abenteuer!
    Ich hoffe, ihr habt eure Yogamatten dabei und macht regelmäßig was zum Ausgleich für die vielen Stunden auf dem Rad. Vor allem das Beinedehnen nicht vergessen 😉

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